Oscar Wilde
Die Graphic Novel über den Schriftsteller Oscar Wilde beginnt während einer Vortragsreise in den USA, wo der Ästhet über Kunst und Schönheit schwadroniert. Zurück in England zeigen die Illustratorin und der Autor den erfolgreichen Schriftsteller,
der mit Frau und zwei Kindern lebt. Er verfasst Gedichte und Erzählungen und wird zum Chefredakteur einer Frauenzeitschrift. Dort lernt er Robert Ross kennen und beginnt eine Affäre mit ihm. Auch als Dramaturg macht er sich einen Namen. Seine Stücke werden gefeiert, doch seine homosexuelle Beziehung zu Lord Alfred „Bosie“ Douglas sorgt im viktorianischen London für Missfallen. Homosexualität ist gesetzlich verboten, doch er legt es auf einen Prozess an. Dort verteidigt er die männliche Liebe, die es schon zwischen David und Jonathan gab, bei Platos Philosophie und in Sonetten von Shakespeare und Michelangelo. „Daran ist nichts Unnatürliches“ (S. 105). Im Gefängnis besucht ihn sein alter Freund Ross. Als Wilde später verarmt in Paris stirbt, ist es Ross, der Wilde ein Grabmal errichtet. Wer die Zitate, die aus Wildes Werken eingestreut sind, nicht direkt zuordnen kann, wird mit einer kurzen Recherche fündig. Im Anhang findet sich ein Werkverzeichnis. Eine Zeitleiste zur besseren Einordnung hätte dem Buch dennoch gutgetan. – Die italienischen Macher zeichnen ein Porträt des personifizierten Dandys, Snobs und genialen Autors, stets mit einem Bonmot auf den Lippen, der sein Leben und seine Leidenschaften kompromisslos gelebt und sich mit seinen Werken unsterblich gemacht hat. Auch visuell gibt Licia Cascione den stets adrett gekleideten Exzentriker sehr gut wieder. Die Sonnenblume an den Kapitelanfängen, die langsam wächst und schließlich verkümmert, ist eine schöne Metapher für Wildes Leben und war zudem Symbol des Ästhetizismus. Ein Buch, das nicht nur bei Wilde-Fans Lust macht, in das eine oder andere Werk einzutauchen.
Melanie Schubert
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Oscar Wilde
Text: Tommaso Vitiello ; Zeichnungen: Licia Cascione ; aus dem Italienischen von Monja Reichert
Knesebeck (2026)
123 Seiten : farbig
fest geb.