Die Irrfahrt der St. Louis
Die Graphic Novel beschreibt Teile der verzweifelten Flucht von über 900 deutschen Juden im Mai/Juni 1939 vor dem NS-Regime. Eingeschifft auf dem Dampfer „St Louis“, wird den Passagieren nacheinander die Einreise in Kuba, den USA und Kanada verweigert.
Kapitän Gustav Schröder gelingt es letztlich unter Einbeziehung internationaler jüdischer Hilfsorganisationen, seine Passagiere über Belgien, die Niederlande, Frankreich und Großbritannien in Sicherheit zu bringen. Vorerst, denn viele von ihnen wurden im Laufe des Zweiten Weltkriegs Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Das Buch stellt die humanen Motive und den leidenschaftlichen Einsatz von Kapitän Schröder in den Mittelpunkt. Gut gemeint ist aber nicht automatisch gut gemacht. Zwar ist die zeichnerische Qualität hoch und der Erzählfaden folgt im Wesentlichen den historischen Eckpunkten. Zu fesseln weiß das Werk aber leider nicht. Kapitän Schröder agiert selbst in kritischen Momenten hölzern, erscheint auf automatenhafte Art überkorrekt. Die Nazi-Charaktere wirken wie Abziehbilder des Bösen in ihrer monotonen grau-schwarzen Färbung. Ansätze zu sympathischen Charakterzeichnungen wie beim alten jüdischen Ehepaar Novak verseichten, ja verkitschen umgehend. Eine Erzähldramaturgie der plumpen Art. Und dann endet der Comic auch noch an der spannendsten Stelle, nämlich unmittelbar vor dem Verteilen der Passagiere auf sichere Länder. Das Zielpublikum, Jugendliche und junge Erwachsene, darf deutlich mehr erwarten.
Werner Wagner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Irrfahrt der St. Louis
Sara Dellabella ; Illustration: Alessio Lo Manto ; aus dem Italienischen von Anja Kootz
Knesebeck (2026)
111 Seiten : farbig
fest geb.