Letzte Hilfe Kurs

Hans Magnus Enzensberger warb einst für Gedichte mit dem Band „Lyrik nervt“, im Cover ein Erste-Hilfe-Kreuz. Der Hamburger Lyriker Ulrich Koch ist vergleichsweise ein Zwerg auf den Schultern dieses Riesen. Doch sieht er weiter? Sein Lyrikband Letzte Hilfe Kurs lädt zu einem „Letzte Hilfe Kurs“. Das klingt nach Abschied. Ein letztes Mal Lyrik? Unübersehbar ist der letzte Gast geladen: der Tod, der allgegenwärtig ist, mitten im Leben, auf Geburtsstationen wie auf Friedhöfen, bei Witwen und Anthropophagen, bei Schnittblumen und Larven, in See- und Erdbestattungen. Thematisch geht es um Vergänglichkeit, Unsterblichkeit, Wiedergeburt, immer wieder auch um Engel. Das wird alles aber nicht im barocken Tonfall des verwehenden Lebens beschrieben, sondern mit manchmal stoischer, manchmal epikureischer Gelassenheit gegenüber der Tatsache, dass jedes Leben endlich ist. Seine Anmut kann der Mensch dagegensetzen, er kann sich einen Reim darauf machen, sich mit dem Schönen zu versöhnen und das Hässliche stöhnen lassen, und er kann daran glauben, das letzte Hemd zu wechseln. Gelegentlich streift ein Gedicht den Kalauer: „Gott ist tot. / Gott hab ihn selig.“ Doch insgesamt ist der Band eine bereichernde Lektüre: er räumt mit der Selbstsicherheit des poetischen Worts auf und schafft Ordnung im Kosmos künstlerischen Schaffens: „In den Träumen / alter Dichter versteinern die Gedichte.“ Ulrich Kochs Gedichte schauen sich gewitzt und lehrreich den Umgang der Kunst mit Endlichkeit und Abschied an.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Letzte Hilfe Kurs

Letzte Hilfe Kurs

Ulrich Koch
Jung und Jung (2024)

167 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 619667
ISBN 978-3-99027-405-7
9783990274057
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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