Hauch
Die Ausgangslage ist durchaus vielversprechend: Veit, ein Schriftsteller, lebt auf dem Land, Dora, Dolmetscherin und Übersetzerin, in der Stadt, und sie schreiben sich in unregelmäßigen, aber dichten Abständen Briefe. In der Gegenwartsdiagnostik
sind sie sich ähnlich: pessimistisch, mit einem Stich ins Melancholische. Sie tauschen erotische Träume, alltägliche Eindrücke, Natur- und Einkaufserlebnisse, Erfahrungen mit ihrem Burnout aus. Doch das wird schnell langweilig beim Lesen. Denn zum einen bleibt es beim Lamento über die allgemeine Digitalisierung und Weltentfremdung. Vogelstimmen mischen sich mit Geräuschen von Drohnen und militärischen Flugzeugen, harmlose Kinderspiele erscheinen als Training für den kriegerischen Ernstfall. Zum anderen kommen sich Veit und Dora nicht wirklich näher. Sie schreiben sich Briefe, einmal wird ein Paket versandt, und auch hier ist die Bedrohung, dass Briefe bald nur noch von privaten Dienstleistern zugestellt und staatliche Postkästen restlos entfernt werden. Unspektakuläre Prosa, ermüdende Schilderungen, hin und wieder eine scharfe Beobachtung. Die Figuren in Bayers Roman korrespondieren über eine erschöpfte Spätmoderne, heraus kommt ein Sturm im Wasserglas, aber immerhin. Für geduldige Leserinnen und Leser.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Hauch
Xaver Bayer
Jung und Jung (2026)
190 Seiten
fest geb.