Sonnenuntergang über dem Meer mit Insel und Tempelrest (Foto von Matthieu Rochette auf Unsplash)
Kap Sounion mit der Ruine des Poseidontempels (Foto von Matthieu Rochette auf Unsplash)

Von der Nähe und Ferne der Götter

Wie und warum Die Odyssee derzeit in aller Munde ist

von Michael Braun


Die „Odyssee“ ist in aller Munde. Das liegt vor allem an dem Sensationserfolg, mit dem Christopher Nolans Die Odyssee gestartet ist. Gleich am ersten Wochenende Mitte Juli spielte der Film weltweit über 264 Millionen Dollar ein, nach zehn Tagen bereits das Dreifache. Mit dem raumfüllenden IMAX-Format schafft der Film erstmals durchgehend ein bildgewaltiges Kinoerlebnis. In den sozialen Medien werden Figuren, Hintergründe und Details des Films intensiv diskutiert. Kritiker sprechen von einem Sweet-Spot-Phänomen. Das heißt: Der Film taugt für die Massen, „nicht obwohl, sondern weil er so vielschichtig ist“, so Christiane Lutz in der Süddeutschen Zeitung vom 5.8.2026.

Ein Film für alle

Philologen und Fans streiten über die ersten Filmworte. Ein Sänger, gespielt von dem Rapper Travis Scott, skandiert da: „A face, fleet, a war, a man, a thought, a trick.“ Das fasst die Storyline gut zusammen. Und das entspricht, wenn man die Hauptwörter betont, Homers Versmaß, dem Hexameter. Juweliere geben ihre Meinung zu Penelopes Schmuck zum Besten; der schwedische Wikingerverein kommentierte die maritimen Requisiten des Films. 

Die Fach- und Filmkritik fiel überwiegend positiv aus (Anm. d. Red.: siehe z. B. Filmkritik auf filmdienst.de). Doch bemängelt wurde auch eine vermeintlich verfälschende Modernisierung Homers. Die Rede war von einem überlangen Sandalenfilm. Emily Wilson, die Homers Epos 2017 in ein faszinierend zeitgemäßes Englisch gebracht und damit Nolan eine Steilvorlage geliefert hatte, vermisste in der London Review of Books an dem „familienfreundlichen Spektakel“ narrative und emotionale Tiefe. Was macht die Faszination des Films aus? Und wie wird Nolans Held in unsere Zeit übertragen?

Die Kunst des Erzählens

Zunächst liegt das ganz einfach an der Kunst des Erzählens. Wie, das erklärt uns auf höchst spannende Weise der Heidelberger Altphilologe Jonas Grethlein in einem Buch über Homer und die Kunst des Erzählens (2017). Im Erzählen kommen sich Menschen nahe, bewältigen sie Erfahrungen, stellen sie Sinn her. Doch Erzählen entwickelt auch alternative Anschauungen der Welt. Es kann der Täuschung dienen. Diesen Tricks beim Erzählen folgt der Bielefelder Althistoriker Raimund Schulz in seinem Buch Odysseus. Mythos und Wahrheit. Dabei geht es vor allem um Bild- und Formkraft der Helden- und Göttergeschichten. 

Das wiederum hat Luc Ferrys Graphic Novel Die Odyssee (2025 in 5. Auflage erschienen) in mächtige Panels umgesetzt: Poseidon erscheint da als wellentürmender Meeresgott, der des Odysseus Heimkehr verhindern, Athene als strahlende Weisheit, die ihren Schützling heimwärts geleiten will. Dazwischen funken die ebenso nymphen- wie hexenhaft auftretenden Göttinnen Kalypso und Kirke. Sie binden Odysseus jeweils sieben und ein Jahr an sich, auch sexuell.

Rechnet man das nach, bleibt von den zehn Jahren der Irrfahrt nur eins übrig, in dem Odysseus auf den Meeren der damaligen Welt hin und hergetrieben wurde. Michael Köhlmeier hat diese Legendarisierung der Odyssee in seiner kurzen Nacherzählung so beschrieben: „Es wird von einem Lügenbold erzählt, der behauptet, durch die Welt zu irren, derweil er in Wahrheit neun von diesen zehn Jahren bei Frauen zugebracht hat.“ Merkwürdig nur: Von diesen Affären erzählt Odysseus Penelope bei seiner Heimkehr nichts.

Zeichnung einer antiken Vase (Foto von The New York Public Library auf Unsplash)
Odysseus tötet die Freier der Penelope, um 440 v. Chr. (Foto von The New York Public Library auf Unsplash)

Archetyp des Geschichtenerzählers

Großartig wird die Erzählung von Odysseus nicht nur durch das, was auf den einzelnen Stationen erzählt wird: den Kampf mit dem Zyklopen Polyphem und den riesenhaften Laestrygonen, ebenfalls Menschenfressern; den Besuch im Hades, in der Unterwelt, und bei Aiolos, dem Windgott; die Begegnung mit antiken Ungeheuern, den Sirenen, mit Skylla und Charybdis. Großartig ist auch, wie diese Geschichten inszeniert werden: im raffinierten und höchst wirkungsbewussten Verweben von Fakten und Erfindungen. 

Odysseus ist also der Archetyp eines guten Geschichtenerzählers. Für seine Haupteigenschaft hat das Altgriechische ein vieldeutiges Wort: „polytropos“. Das bedeutet „vielgewandert“, aber auch „wendig“ und „wandlungsreich“ mit der Nebenbedeutung „tückisch“. Emily Wilson hat das umstrittene Wort in ihrer Neuübersetzung, die 2017 erschien, über eine Million Mal verkauft wurde und in den Startwochen von Nolans Film restlos vergriffen war, so übersetzt: „Tell me about a complicated man./ Muse, tell me how he wandered and was lost/ when he had wrecked the holy town of Troy.“ 

Wer aber ist die Muse, die hier angerufen wird? Warum wird überhaupt eine Göttin der Kunst herbeizitiert, wenn es um kunstvolles Erzählen geht? Und wie ist es um den Beziehungsstatus zwischen Menschen und Göttern in der Odyssee bestellt?

Menschen- und Göttergesichter

Schon bei Homer ist das Verhältnis der Menschen zu den Göttern kompliziert genug. Odysseus glaubt an sie. Aber er ist Selbsthelfer, Abenteurer und Aufklärer genug, um den Göttern nicht blindlings zu vertrauen. Lieber lernt er von ihnen, was man falsch machen kann in kritischen und existenzbedrohlichen Situationen. Da ist etwa Kirke, pflanzenkundige Zauberin, Herrin der Tiere, Ritualexpertin, die sich in Odysseus verliebt und seine Gefährten in Schweine verwandelt. Odysseus folgt dem Lockruf des Sexus und erkauft damit die Rückverwandlung seiner Mannschaft. Als er den Zyklopen blendet, einen Titanenenkel immerhin, beschimpft er ihn zu allem Überfluss, gefährdet damit seine Schiffsbesatzung – und lernt, wie bedrohlich die eigene Hybris ist. Aus der Liebesfalle mit Kalypso befreit sich Odysseus, indem er sich an die eheliche Liebe und die Ordnung des Oikos, des Heims erinnert. Den Sirenen lauscht er, an den Mast gebunden und von seinen taubgemachten Gefährten nicht gehört, ihren göttlichen Gesang ab. Nur Athene, seine Mentorin, bleibt von Odysseus‘ Listen verschont.

Damit wird Athene zur wichtigsten Göttin der Odyssee. Im Film ist dies lange Zeit nicht angekommen. In den kurzen Odysseus-Tableaus aus der Frühzeit des Films und in dem Antiken-Film Ulisse von 1954 (mit Kirk Douglas als Odysseus) spielt sie keine Rolle. Aber in der zweiteiligen Fernsehproduktion The Odyssey (1997) sagt die Göttin (gespielt von Isabella Rossellini) zu Odysseus: „The gods cannot do for man what man must do for himself.“ („Die Götter können für den Menschen nicht tun, was der Mensch für sich selbst tun muss.“) 

Diesen Spielball hat Nolan aufgenommen. Von den homerischen Göttern lässt er nur Athene in seinem Film zur Geltung kommen. Nicht Poseidon, nicht Hermes. Dass Zeus den Donner grollen lässt, wird von den Freiern, die Penelopes Haus belagern, spöttisch bezweifelt. Athenes exklusive Rolle wird an den Gelenkstellen der Odyssee deutlich. Odysseus steht sie im Krieg gegen Troja, während seiner Irrfahrt (bei Kalypso) und bei seiner Heimkehr nach Ithaka zur Seite. Von Athene zu sehen ist allerdings nur ein Gesicht. Sie trägt wallende Gewänder und einen Kopfschleier.

Damit sind wir bei den Gesichtern, die durch den Film irrlichtern. Helena, gespielt von Lupita Nyong‘o, hat nach der Rückkehr nach Sparta eine vernarbte Gesichtshälfte: ein Kriegstrauma imaginierter Frauenschönheit. Agamemnon, der griechische Heerführer, zeigt niemals sein Gesicht. Wir sehen ihn, mit Ausnahme der Todesszene im heimischen Bad, während des ganzen Films meist von hinten oder hinter dem Visier seines rabenschwarzen Helms, ein Dunkler Ritter wie Nolans Batman. Odysseus macht meist stoische Miene zum bösen Spiel, das missgünstige Götter und eine vor Hunger meuternde Mannschaft mit ihm spielen. Er verkleidet und verkleinert sich aus List, um den richtigen Moment für Heldengröße zu erwischen. Nur einmal verliert er das Gesicht: Am Mast gebunden, den Sirenen lauschend, schreit er voller Pathos sein Schmerzglück und seine Angstlust heraus.

Athene-Statue (aus Foto von Simon Kessler auf Unsplash)
Pallas-Athene-Brunnen in Wien (Foto von Simon Kessler auf Unsplash)

Im Film sehen wir Athene nur mit Odysseus zusammen. Wenn eine dritte Person die Szene betritt, ist die Intelligenzgöttin verschwunden. Eine Halluzination? Belügt sich Odysseus mit einer Wunschgöttin in gottlosen Nachkriegszeiten? Oder verkörpert Athene das schlechte Gewissen, das Odysseus seit den Gräueln plagt, die seine Krieger im eroberten Troja anrichteten? Dafür spricht, dass Nolan einer Tempelpriesterin, die von dem griechischen Mob enthauptet wird, das gleiche Gesicht wie Athene gibt. Eine Priesterin und Prophetin als Klugheitsgöttin: Dieser Regie-Einfall wird in einer kurzen Schnittfolge im Film beglaubigt. Erst sehen wird ein Schwert über dem Kopf der Priesterin blitzen, dann rollt der steinerne Kopf der Athene-Statue über die Stufen. 

So kann man Athene als eine Stimme von innen sehen. Sie sagt dem Irrfahrer, wohin die Reise geht. Dass er sich an seine Heimat erinnern muss, die Familienordnung nicht vergessen darf. Woran er leidet und worauf er hoffen darf. Aber sein Schicksal muss Odysseus, daran lässt der Film kaum Zweifel, selbst in die Hand nehmen. Nolans Film sieht ihm beim Lernen zu: Nur die Not lehrt das Beten, er ist sich selbst der beste Helfer, wenn die Götter sich verbergen. Seinem Sohn gibt Odysseus den entsprechenden Rat, besser nicht die Götter in Menschen zu sehen, sonst werde man enttäuscht. 

Und die Sache mit dem Pferd?

Das sprichwörtlich gewordene Trojanische Pferd ist, historisch gesehen, „ein spektakuläres Prunkstück der langen Reihe von Tricks und Täuschungen, die man bei Raubzügen und Kriegen in einer Welt anzuwenden gewohnt war, die anders als die des Nahen Ostens nicht über gewaltige Armeen, teure Reiter- und hochgerüstete Spezialtruppen verfügte“ (Schulz). In Homers Epos, das aus Schiffersagen, Wanderlegenden von Söldnern, Märchen und Geschichten von Händlern zusammengewoben ist, spielt das Trojanische Pferd eine vergleichsweise kleine Rolle. In der Ilias, die vor dem Ende des Trojanischen Krieges abbricht, kommt es nicht vor. In der Odyssee wird es nur in einer kurzen Versfolge erwähnt (in der immer noch gültigen Übersetzung von Voß):

Fahre nun fort, und singe des hölzernen Rosses Erfindung,
Welches Epeios baute mit Hilfe der Pallas Athene,
Und zum Betrug in die Burg einführte der edle Odysseus […]

Hölzerne Pferdestatue (Foto von Emir Eğricesu auf Unsplash)
Statue in Çanakkale, Türkei (Foto von Emir Eğricesu auf Unsplash)

Gesagt wird nur, dass das Pferd aus Holz gezimmert ist. So führt es auch Nolan vor: ein zwölf Meter hohes, holzgemasertes Requisit, das während der Film-Promotion auf dem New Yorker Times Square ausgestellt wurde. Aber Odysseus hat das Pferd weder erfunden noch gebaut. Daran hält sich auch Nolan. Odysseus ist der Einsatzleiter des Spezialkommandos, mit dem das Pferd in die belagerte Stadt kommt. Athene, die Erfinderin, hält sich komplett heraus. Traurig und hilflos sieht sie Odysseus zu, der seinerseits seinen Männern beim Brandschatzen, Plündern und Morden in der gefallenen Stadt zuschaut.

Aber da ist ja noch eine weitere Athene im Spiel. Als Odysseus sich von Penelope verabschiedet, gibt sie ihm eine bronzene Athene-Statuette mit. Sie hat die Form einer Anstecknadel. Odysseus trägt dieses Hero Prop beständig bei sich. Wenn er es zur Hand nimmt, erscheint ihm Athene. Am Ende des Films, als Odysseus Penelope vom Krieg erzählt und ihr die Athene-Brosche zeigt, sehen wir Athene und die Tempelpriesterin als eine Person danebensitzen: stumme Zeugin einer männlichen Erzählung von Kriegsverbrechen.

So wird Odysseus zur ambivalenten Figur: posttraumatisch belasteter Held in postheroischen Zeiten und Super-Migrant, Seeräuber und Plünderer, Trickster und Schauspieler. Und Meistererzähler. Nolans Odysseus ist ein sophistischer Philosoph und ein fabelfroher Erinnerungskünstler, ein furchtloser Selbsthelfer und gefürchteter Städtezerstörer, eine Figur in einer Schwellenzeit zwischen dunklem und archaischem Zeitalter, ein Prototyp des Abenteurers, der sich nicht scheut, die Grenzen der bekannten Welt zu erkunden und zu überschreiten.

Nolans Film erzählt mit brillantem Handwerk und visueller Opulenz von Schuld und Scham, von Krieg und Heimkehr, von den Narben der Schönheit und dem Furor des Krieges. Am Ende sehen wir Odysseus mit Penelope gen Westen segeln, ohne Thron, aber voller Hoffnung auf bessere Zeiten. Seine Geschichte, lässt ihn Nolan am Filmende pathetisch zu Penelope sagen, solle nur besungen werden, „weil der Gesang alles sein wird, was ihnen bleibt, um sich an diejenigen von uns zu erinnern, die schreiben konnten.“ In diesem Sinne besingt Nolans Film auf imponierende Weise Homers Epos.

 

Prof. Dr. Michael Braun ist Referent Literatur bei der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. und Rezensent für den Borromäusverein e.V.
 

Michael Braun

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Literatur

  • Luc Ferry: Odysseus (Mythen der Antike). 5. Aufl. Bielefeld: Splitter, 2026.
  • Stephen Fry: Odyssee. Von Abenteuern, Irrfahrten und Heimkehr. Aus dem Engl. von Matthias Frings. Berlin: Aufbau, 2025.
  • Jonas Grethlein: Die Odyssee. Homer und die Kunst des Erzählens. München: Beck, 2017.
  • Homer: Ilias. Odyssee. In der Übertragung von Johann Heinrich Voß. Frankfurt a.M.: Insel, 1990.
  • Michael Köhlmeier: Das große Sagenbuch des klassischen Altertums. 22. Aufl. München: Piper, 2024.
  • Raoul Schrott: Homers Heimat. Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe. München: Hanser, 2008.
  • Raimund Schulz: Die Odyssee. Mythos und Wahrheit. Stuttgart: Klett-Cotta, 2026.
  • Emily Wilson: An Uncomplicated Man. In: London Review of Books, 13.8.2026.

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