Eine Frau verschwindet
Alice wird überraschend von ihrem Mann Damien verlassen. Um ihrem Schmerz zu entkommen, flieht sie nach Korsika, kehrt allerdings schnell zurück, da sie begreift, dass sie ihren Kummer nicht hinter sich lassen kann. Sie geht weiter zur Arbeit, mietet
sich aber in ein Appartement weit entfernt von ihrem Zuhause ein, kann es nicht ertragen, Damien und der Tochter Romane gegenüberzutreten. Sie fühlt sich zu „einem Klotz aus Einsamkeit“ erstarrt. In der neuen Wohnung lernt sie Siham kennen, die eine Ausbildung in einer Kita macht, um sich innerhalb der autoritären Strukturen ihrer Familie eine gewisse Autonomie zu erkämpfen. Sie lässt Alice bei sich unterschlüpfen, damit sie sich nicht so einsam fühlt. Die ungleiche Freundschaft lässt Alice Hoffnung schöpfen, bis Siham sie damit konfrontiert, mit ihr etwas ersetzen zu wollen, vor dem sie gerade davonläuft. Alice ist in ihrer Abhängigkeit gefangen, selbst als sie sich endlich mit ihrer Tochter trifft, hat sie das Gefühl, fliehen zu müssen. Nachdem man erfährt, dass die Ehe gar nicht so perfekt war, sondern dass Damien und Alice sich häufig angeschrien haben, ist es umso erstaunlicher, dass Alice nicht mit der Trennung fertig wird. Sie bleibt in ihrer Abhängigkeit von einem Mann gefangen, kommt nicht mit dem Alleinsein klar. – Der kurze Roman der französischen Autorin erzählt davon, wie schwer es ist, sich selbst nicht zu verlieren, wenn das eigene Leben plötzlich auseinanderbricht. Eine intensive Lektüre, die zeigt, dass die Emanzipation der Frau in der Gesellschaft noch lange nicht gelungen ist.
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Eine Frau verschwindet
Cécile Tlili ; aus dem Französischen von Corinna Rodewald
Kein & Aber (2026)
174 Seiten
fest geb.