Die siebte Woge
Nach altem seemännischem Volksglauben ist bei sturmumtoster See die neunte Woge die höchste, furchterregendste und oft tödliche. Beeindruckt vom Bild "Die neunte Woge" des russischen Malers Aiwasowski (1817-1900), sieht Dieter Kühn sein schriftstellerisches
Schaffen immerhin von sieben Wogen bedroht. In seinem "Logbuch" protokolliert er die vielfältigen Einflüsse auf seine Arbeit, auf sein Wirken und sein Leben als Schriftsteller. Dabei ordnet er das Material aus Gedanken, Gesprächen, Erinnerungen, biografischen Notizen zu Weggefährten, Malern, Musikern und anderen Menschen, die ihn beeinflussten, nicht chronologisch, sondern den sieben Wogen entsprechend in sieben Abschnitte. Zu den ihn prägenden Menschen gehören einige Schriftsteller, die er seine "Hausheiligen" nennt, z.B. Tolstoi, Flaubert, Joyce und Frisch. Die erste Woge erfasste ihn, als er sich mit dem Schriftsteller und Naturforscher Adalbert von Chamisso beschäftigte. Vergeblich versuchte Kühn einen Weg zu finden, Literatur und Naturwissenschaft, hier besonders die Botanik, zu vereinen. Die zweite Woge türmte sich auf, als er versuchte, Albert Einsteins Relativitätstheorie in ein Gedicht zu fassen. So geht es weiter bis zur siebten und schlimmsten Woge, der Finanzwelt. Er versucht das Thema literarisch zu verarbeiten, während er die Finanzwelt auf die Katastrophe von 2008 zusteuerte. - Trotz zahlreicher gescheiterter Versuche war Dieter Kühn sehr erfolgreich mit einer Vielzahl von Romanen, Biografien, Erzählungen, Theaterstücken, Hörspielen, usw. Mit "Die siebte Woge" lässt er den Leser nicht nur über sein Schulter blicken und nimmt ihn auf eine Reise durch zum Teil ferne Zeiten und Räume mit, sondern lässt auch tiefe Einblicke in seine künstlerische Gefühlswelt zu. Mit seiner steten Angst vor dem Scheitern hat er jedoch keinen Schiffbruch erlitten. Für literarisch interessierte Leser sehr empfehlenswert.
Birgit Fromme
rezensiert für den Borromäusverein.
Die siebte Woge
Dieter Kühn
S. Fischer (2015)
514 S.
fest geb.