Fabelland
35 Jahre nach dem Mauerfall betrachtet Ines Geipel, Schriftstellerin und Professorin für Verskunst in Berlin, was aus unserem Land nach der Wiedervereinigung geworden ist. Beim Fall der Mauer war sie bereits in den Westen geflüchtet und studierte
in Darmstadt. Familiäre Gegebenheiten – beide Großväter in der SS, der Vater jahrelang Spion für die Staatssicherheit der DDR und die Mutter, die Bescheid wusste – all das spielt mit hinein in ihre Betrachtungsweise über den Osten und den Westen. Aber sie hinterfragt alles: versetzt sich in die Zeit der Umbrüche, der politischen Entwicklungen, erinnert sich an Verleugnungen, Verharmlosungen und Lügen, erzählt schonungslos, wie sich das Glück der Anfänge in den Zorn der Gegenwart wandeln konnte. Es ist ein gnadenloser Blick auf unser Land, auf die vergangenen Jahrzehnte mit ihren schwerwiegenden und auch falschen Entscheidungen in Politik und Gesellschaft, die zu den rechtsextremen politischen Entwicklungen geführt haben, mit denen wir zurzeit konfrontiert werden. Es ist eine Mischung aus Familiengeschichte und persönlicher Betrachtungsweise, aber auch die politische Analyse von 35 Jahren deutscher Zeitgeschichte. – Das Buch ist anspruchsvoll und nicht immer leicht zu lesen, bietet aber viele Denkanstöße. Gern empfohlen für am Thema interessierte Leser:innen, die mehr als gängige Klischees lesen möchten.
Annemarie Schreibert
rezensiert für den Borromäusverein.
Fabelland
Ines Geipel
S. FISCHER (2024)
309 Seiten
fest geb.