Feine Risse
Die Autorin, eine Strafrechtsprofessorin und Richterin, verbindet berufliche Erfahrung mit literarischem Talent. Ihre Protagonisten sind die 62-jährige Strafverteidigerin Eva Herbergen und ihr Ehemann Peter. Im vergangenen Jahr erschien der Erstling
„Dunkle Momente“ (BP/mp 25/437) mit neun miteinander verbundenen Fällen, dem nun dieser Band mit acht verknüpften Kriminalgeschichten folgt. Die Stärke der Autorin liegt in handfester, echter strafrechtlicher Erfahrung, psychologischen Kenntnissen und literarischem Talent. Themen sind einmal der Lebens- und Schicksalsweg des Menschen bis zur Täterschaft und zum andern die Zweifel an eigenen Entscheidungen in der Vergangenheit, die das Leben anderer Menschen manipuliert haben. Schuld- und Schicksalsfragen diskutiert Frau Herbergen regelmäßig mit ihrem Mann. Ihr gemeinsames Fazit lautet, dass beim Akteur die Entscheidung zum guten oder schrecklichen Handeln oft nur ein einziger Augenblick trennt. Elisa Hoven skizziert ihre Täter emotional und psychologisch tief; sie versichert glaubhaft, dass deren Schuld aus komplexen Situationen und Zwängen genährt wurde. Das moralische Dilemma bei der juristischen Beurteilung der Taten, die Glaubwürdigkeit der Fälle, die Tiefe der Schuld-Thematik und der prosaische, atmosphärische und psychologisch angenehme Schreibstil erzeugen Zustimmung bei der Leserschaft. Diese Ausleuchtung von Grauzonen zwischen Normalität und Schuld, Familiengeheimnissen und gesellschaftlichem Stress wird bestimmt Zukunft als neue Romanform haben. Auch schon für kleine Bestände empfohlen!
Gudrun Schüler
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Feine Risse
Elisa Hoven
S. Fischer Verlag (2026)
336 Seiten
fest geb.