Seltsame Blüten
Mary Gladney, von allen nur Moll genannt, verlässt im Alter von 20 Jahren ihr streng gläubiges Elternhaus sowie das kleine irische Dorf, in dem sie groß geworden ist. Fünf Jahre später kehrt sie zurück, gibt aber nichts über ihr Leben während
ihrer Abwesenheit preis. Als der dunkelhäutige Alexander Elmwood sich nach ihr erkundigt, scheint etwas Licht in ihr Leben und ihre Psyche zu kommen: Moll ist von Irland nach London gereist, hat dort nach längerem Zögern Alexanders Werben erhört, ihn geheiratet und ein Kind von ihm bekommen. Ehe bedeutet jedoch keine Erfüllung für sie und sie kehrt in die Enge ihres Heimatdorfes zurück. Ihre Eltern, fast so etwas wie Leibeigene der Jackmans, für die Molls Vater Paddy arbeitet, akzeptieren und lieben trotz rassistischer Vorbehalte jener Zeit den ebenfalls christlichen Alexander und ihren "weißen" Enkel Josh. Alexander etabliert sich in dem kleinen irischen Dorf, seine Ehe mit Moll wird jedoch von etwas, bzw. einer Person überschattet. – Ryan erzählt die Geschichte analog zu den Büchern Genesis, Exodus, Hohelied, sowie Weisheit des Alten Testaments und der Offenbarung des Neuen Testaments. Mal stehen Kit und Paddy im Fokus, mal Moll oder Alexander und seine ebenfalls gläubige Familie, dann Josh und schließlich Moll sowie Ellen Jackmann. – Eine fesselnde Familien- und Sittengeschichte mit Einblicken in das einfache irische Leben, die Mentalität, die Religion mit ihren Möglichkeiten und Zwängen. Auch stilistisch sehr interessant, da sich kurze Impulssätze mit Sätzen abwechseln, die sich über eine halbe Seite hinziehen können und so die Protagonisten sehr gut charakterisieren. Sehr gelungen auch die Binnenerzählung über die Heilung des Blinden – ein Versuch Joshs, literarisch mit einer Adaptation der Wundergeschichte nach dem Johannesevangelium zu reüssieren. – Ein Roman, der sich für alle Bestände mit anspruchsvoller Leserschaft und auch sehr gut für Literaturkreise eignet.
Margit Düing Bommes
rezensiert für den Borromäusverein.
Seltsame Blüten
Donal Ryan ; aus dem irischen Englisch von Anna-Nina Kroll
Diogenes (2024)
264 Seiten
fest geb.