Nachteule
Luisa, 15, als Baby aus Peru von einem gutsituierten deutschen Ehepaar adoptiert, hat eine ganz besondere Gabe: Sie kann nachts sehen. Deshalb geht sie auch gern im Dunkeln im nahegelegenen Wald spazieren und beobachtet die Tiere. Als sie dort auf
den obdachlosen Tim trifft, der an ihre Hilfsbereitschaft appelliert, wird sie in sein Geflecht aus Lügen hineingezogen. Obwohl sie merkt, dass er sie ausnutzt und rücksichtslos seinen kriminellen Machenschaften nachgeht, unterstützt sie ihn, weil sie sich zu ihm hingezogen fühlt. Ihre Eltern haben ihre eigenen Probleme und nehmen die Nöte ihrer Tochter kaum wahr. – Wenn eine 90-jährige Schriftstellerin eine pubertierende Außenseiterin zur Ich-Erzählerin macht, kann einiges schiefgehen. Aber mit Sinn für erstaunliche Wendungen in der Handlung, trockenem Humor und Einfühlungsvermögen kriegt Ingrid Noll professionell gerade mal so die Kurve und legt ein weiteres Buch über verborgene Verbrechen in gutbürgerlichem Milieu vor, über das sich ihre Lesergemeinde sicher freuen wird. Mit Nachfrage ist zu rechnen.
Marion Sedelmayer
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Nachteule
Ingrid Noll
Diogenes (2025)
301 Seiten
fest geb.