Fräulein Hedwig

Es ist ein stilles Leben, das Christoph Poschenrieder in den Mittelpunkt seines Romans stellt. 1884 in der Familie eines Gymnasialprofessors geboren, träumt Hedwig, Poschenrieders Großtante, als junges Mädchen von einer Karriere als Sängerin und Fräulein Hedwig Pianistin. Nach dem frühen Tod des Vaters wird sie jedoch aufs Lehrerinnenseminar geschickt. Um zum Familienunterhalt beizutragen, wird sie zuerst Hilfslehrerin, später Oberlehrerin und Studienrätin an höheren Mädchenschulen in München und Regensburg. Die Laufbahn im bayerischen Schuldienst ist zu dieser Zeit für Frauen mit dem Verzicht auf Ehe und eigene Familie verbunden. Bei Hedwig häufen sich außerdem Fehlzeiten, sie wird immer wieder „zur Erholung“ beurlaubt und schließlich wegen „Gemütsdepression“ vorzeitig pensioniert. „Das manisch-depressive Irresein“ äußert sich bei ihr mit unkontrollierten Schreiausbrüchen, Schüben von religiösem Wahn und zwangshaften Handlungen, die sich mit Phasen der Apathie und des Rückzugs abwechseln. – Empathisch, behutsam und mit großem erzählerischem Gespür für Lücken rekonstruiert der Autor Hedwigs Biografie aus den Familienerzählungen, Nachlassmaterialien und Krankenakten aus den Nervenheilanstalten, in denen sie behandelt worden war. Für die Einordnung der Diagnose zieht er die zeitgenössischen Medizinlexika und Studien heran, in denen bereits in den 1920er Jahren Überlegungen von psychisch Kranken als „Ballastexistenzen“ auftauchen. Die ideologisch motivierte Definition, Erfassung und staatlich angeordnete Auslöschung des „lebensunwerten Lebens“ von psychisch Kranken durch die Nationalsozialisten setzt 1944 in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar schließlich dem Leben von Hedwig Poschenrieder ein Ende. Ihr als einem der unzähligen Opfer der sogenannten „wilden“ oder „dezentralen“ Euthanasie setzt der Roman ein meisterhaftes literarisches Denkmal.

Slávka Rude-Porubská

Slávka Rude-Porubská

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Fräulein Hedwig

Fräulein Hedwig

Christoph Poschenrieder
Diogenes (2025)

325 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 622580
ISBN 978-3-257-07350-8
9783257073508
ca. 25,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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