Was wir wissen können
Der neue Roman des britischen Schriftstellers Ian McEwan spielt im Jahr 2119 und schafft ein erschreckend realistisches Zukunftsszenario. Die fortschreitende Klimazerstörung, mehrere Atomschläge und eine fehlgeleitete russische Wasserstoffbombe haben
zu Naturkatastrophen und großen Überschwemmungen geführt. Vor dem Hintergrund dieser dystopischen Situation vertieft sich der britische Literaturwissenschaftler Tom Metcalfe in seine Recherchen über einen verloren gegangenen Gedicht-Zyklus, den der renommierte Dichter Francis Blundy im Jahr 2014 seiner Frau Vivien zum Geburtstag widmete. In der ersten Hälfte des Romans rekonstruiert Metcalfe aus überlieferten Quellen aller beteiligten Gäste den genauen Ablauf der Geburtstagsfeier und die Resonanz auf den "Sonettenkranz für Vivien". Im zweiten Teil lässt der Autor Vivien als Ich-Erzählerin auftreten und wir erfahren die wirklichen Hintergründe zu dem verschwundenen Werk. – Dieser komplexe Roman, der von der psychologischen Zeichnung der Figuren lebt, stellt die Frage nach der absoluten Wahrheit, d. h. auf welche Überlieferungen man sich bei der Erforschung der Vergangenheit verlassen kann und was für immer verborgen bleibt. Er thematisiert aber auch den literarischen Geniekult und weibliche Selbstermächtigung. Ein inhaltlich sehr dichtes Werk, das stilistisch eher anspruchsvoll und nicht unbedingt leicht zu lesen ist.
Franziska Knogl
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Was wir wissen können
Ian McEwan ; aus dem Englischen von Bernhard Robben
Diogenes (2025)
468 Seiten
fest geb.