Mit uralten Kinderaugen
„Mit uralten Kinderaugen“: Das ist ein treffsicherer und fabelhafter Titel für die Gedichte, mit denen Wolf Biermann seine Leser – und gewiss auch sich selbst – im Jahr seines 90. Geburtstages beschenkt hat. Der Titel bringt zusammen, was
in der Folge der Generationen auf den ersten Blick nicht zusammengehört. Es ist das kindliche Spiel, das den hochaltrigen Dichter nach wie vor fasziniert und ihn umstürzlerische, kecke, tieftraurige und dennoch frohgemute Blicke auf eine Welt werfen lässt, die immer mehr aus den Fugen geht. Weitermachen mit der Angst, die zu den Altersgebrechen gehört, ein paar Wahrheiten im „Menschheitsretter-Kampf“ zusammenreimen, ein „Vaterseelenallein“ gegen den russischen Krieg in Osteuropa und den Krieg in „Nah-Ost“ singen, Selensky als David gegen den (russischen und den US-) Goliath feiern: Das ist die Botschaft, mit der Biermann ohne Wutschrei, aber mit gepfefferten Paarreimen durch die hier gesammelten Gedichte schreitet. Es gibt ein Gedicht für die (ehemalige deutsche) Kanzlerin und gegen den deutschen „Muffel“, eine „fromme Gotteslästerung“ und ein „genderloses“ (aber nicht gnadenloses) Glaubensbekenntnis, eine Eloge an Volker Braun und eine Kritik an Brecht. Und immer wieder Gedichte über seinen Vaterkummer und die Orte der jüdischen Opfererinnerung in Europa. Erst sei er, schreibt Biermann, „ein frecher Zweifler geworden, dann ein frommer Ketzer, ein tapferer Renegat des Kommunismus. Ein todtrauriges Glückskind in Deutschland, ein greises Weltenkind.“ Kein Zweifel, hier schreibt ein Dichter seine eigene Biographie in Gedichten; ein puer robustus, der Kampfes- und Liebesmut in seinen Liedern besingt; ein kluger Ruhestörer und melancholischer Rebell; ein großer deutsche Dichter, der die Welt nicht in Ruhe lässt, weil er weiß, dass eben nicht „alles gut“ ist. Sehr lesenswert.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Mit uralten Kinderaugen
Wolf Biermann
Penguin Verlag (2026)
117 Seiten : Illustrationen, Noten
fest geb.