Missouri
Ich-Erzähler Karl geht mit 23 Jahren als Dozent für deutsche Sprache nach Columbia im US-Bundesstaat Missouri. Schon als Gymnasiast hatte er ein halbes Jahr in den USA verbracht, um einer traumatischen Kindheit in einem katholischen Internat zu entkommen.
Auch jetzt sind die USA sein Sehnsuchtsort. Er will sich selbst erfinden und ist offen für die Möglichkeiten, die sich ihm bieten. So verliebt er sich zunächst in Stella, eine seiner Studentinnen, später in deren Mutter Janet. Stella ist besonders, sie kann ein paar Zentimeter über dem Boden schweben, wenn sie glücklich ist. Das wird beiläufig erwähnt, "keine große Sache". Überhaupt ist die Sprache unaufgeregt, ohne Pathos. Stellas Vater erklärt das Schweben mit dem Baryzentrum, dem gemeinsamen Massenschwerpunkt von zwei Körpern (wie bei Erde und Mond), was eine leichte Verschiebung bewirke. Mit Stella bereist Karl die USA. Und er führt akademische Gespräche über das Erzählen fiktiver Welten und über die Kunst des Autors, den Leser dazu zu bekommen, ihm diese Welten abzunehmen. - Gregor Hens' autobiografisch gefärbter Roman ist auch ein Diskurs über dieses Thema. Gleichzeitig ist es eine Liebesgeschichte und eine Geschichte über das Erwachsenwerden. - Ab mittleren Beständen für anspruchsvolle Leser*innen.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Missouri
Gregor Hens
Aufbau-Verl. (2019)
284 S.
fest geb.