Unmöglicher Abschied
Han Kang verwebt in "Unmöglicher Abschied" die Geschichte zweier Freundinnen mit einem lange verschwiegenen Kapitel der koreanischen Geschichte. Und dies auf eine verstörend poetische Art und mit beinahe chirurgischer Präzision in der Schilderung
der Wahrnehmung der Protagonistinnen. Aus heiterem Himmel schickt Inseon ihrer Freundin Gyeongha eine Nachricht, dringend zu ihr ins Krankenhaus zu kommen. Sie hatte einen schweren Unfall und bittet ihre alte Freundin darum, umgehend zu ihr nach Hause zu fahren auf die Insel Jeju, weil ihr kleiner weißer Vogel sonst sterben wird. Über ein Filmprojekt lernten sich die beiden vor langer Zeit kennen, aber im Laufe der Jahre wurde der Kontakt loser: Inseon ging in ihre Heimat zurück, um die Mutter zu pflegen und eine Holzwerkstatt zu betreiben, und Gyeongha ist in ihrer eigenen Lebenskrise gefangen. Aber sie kommt der Bitte nach, macht sich wie sie ist direkt auf den Weg und kommt am späten Abend in einem Schneesturm an, der es ihr fast unmöglich macht, das Haus zu finden. Doch die inständige Bitte der Freundin treibt sie voran. Sie schafft es, am Ende ihrer Kräfte, und stößt in dem einsamen Haus auch auf die verschüttete Geschichte von Inseons Familie. – So fein Han Kang die Bande der beiden Frauen zeichnet in ihren unterschiedlichen Charakteren, im Wesen ihrer Freundschaft – in der Kunst und der Krise -, in einer mit reinem und kaltem Schnee bedeckten Landschaft, so gnadenlos richtet sie das Licht auf die historischen Ereignisse, die über Generationen hinweg nachwirken und Menschen wie Orte traumatisiert zurücklassen. Auf absurd-grausame menschliche Gewalt und Leichenberge legt sie die Zartheit einer Schneeflocke und eines federleichten Vogels, dass es einem Gänsehaut bereitet. Die Geschichte übt einen regelrechten Sog aus, man hastet voran und taumelt zwischen Realität und (Alb)traum. An die Hoffnung, dass der Vogel und seine Besitzerin überleben, klammert man sich bis zuletzt, bis das Licht der Kerze erlischt.
Carolin Ahrabian
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Unmöglicher Abschied
Han Kang ; aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee
aufbau (2024)
315 Seiten
fest geb.