Tokyo Girls Club
Feinfühlig und unprätentiös führt die Autorin in ihrem in Japan bereits 2015 erschienenen Roman zwei höchst unterschiedliche Frauen zusammen: die geschniegelte, erfolgreiche Geschäftsfrau Eriko, die mit ihren über 30 Jahren unverheiratet noch
bei den Eltern lebt, und die wenig ambitionierte Shoko, die einen Internet-Blog „Das Tagebuch einer nutzlosen Ehefrau“ schreibt, der Erikos Aufmerksamkeit erregt. Das Zusammentreffen der beiden steigert sich in eine Spirale aus Obsession und Selbstbezogenheit, die jene anfangs nahezu harmonisch und ideal erscheinende Beziehung dieser „Mädelsabende“ (so etwa das Wort aus dem japanischen Titel) grandios scheitern lässt. Mithin ein psychologischer Roman, beiläufig und ohne Dramatik erzählt, präzise und poetisch, bei dem Nähe und Fremdheit, Ordnung und Chaos, Wunsch und Wirklichkeit wie Vexierbilder ineinander fallen. Unter den in letzten Jahren hervorragenden japanischen Romanen aus weiblicher Feder verdient dieser, wie zuvor schon „Butter“ von Yuzuki (BP/mp 22/1029), einen Ehrenplatz. In unserer mehr von Social Media als von Freundschaft geprägter Gesellschaft, wo solche Beziehungen, wie Eriko sie erstrebt, zum Portfolio einer perfekten Karriere gehören, helfen solche Bücher nicht nur der Langeweile, sondern auch der Einsamkeit für einige Stunden zu entfliehen. Eine nachdrückliche Empfehlung für alle Bestände, denen dies ein Anliegen ist.
Helmut Krebs
rezensiert für den Borromäusverein.
Tokyo Girls Club
Asako Yuzuki ; aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Blumenbar (2026)
383 Seiten
fest geb.