Entweder/Oder
In ihrem zweiten Jahr als Literaturstudentin setzt sich Selin mit philosophischen Fragen auseinander und stößt auf das Buch “Entweder / Oder” von Kierkegaard. Sie versucht, dessen Ideen wie auch die Ideen der Großen der französischen und russischen
Literatur auf ihr eigenes Leben zu übertragen und stellt Konventionen in Frage. Bei all den intellektuellen Schwerpunkten ist Selin jedoch sehr naiv und unerfahren in sexuellen Dingen - ihr ganzes Denken ist darauf ausgerichtet, wie ihr erstes Mal sein soll. Es kreist auch um Beziehungen im Allgemeinen und um feministische Thesen im Besonderen, wobei sie erstaunt feststellen muss: „Es war sehr enttäuschend, dass selbst in Harvard … die meisten nichts weiter vorhatten, als Kinder zu bekommen und Geld für sie anzuhäufen. Man redete mit Menschen, die einem vorkamen, als sähen sie die Welt als einen Ort, an dem man sich frei bewegen und Ideen austauschen konnte, bis sich herausstellte, dass sie nichts Eiligeres zu tun hatten, als alles Interessante schnellstens hinter sich zu bringen, solange sie jung waren.“ Während der Semesterferien will sie das “echte Leben” kennenlernen und reist im Auftrag eines Reiseverlags in die Türkei, wo sie auch ihre Verwandten besucht, und nach Russland. Hier kommt etwas “action” in die bis dahin kopflastige Geschichte. Als Kind türkischer Einwanderer fühlt sie sich zwischen den Kulturen. Ein kompliziertes Familienleben mischt sich mit den Partys, Selins erstem Mal und Liebeskummer. - Elif Batumans Roman ist eine originelle, geistreiche und witzige Beschreibung des Versuchs einer jungen Literaturstudentin, sich über verschiedenste Romane der Weltliteratur einen Weg ins Erwachsenenleben zu bahnen. Doch der Kontrast zwischen den anspruchsvollen philosophischen und literarischen Debatten und der allzu naiven Studentin, die die Liebe entdecken will, ist irritierend.
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Entweder/Oder
Elif Batuman ; aus dem Englischen von Claudia Wenner
C.H.Beck (2023)
395 Seiten
fest geb.