Lügen von gestern und heute

Eine deutsche Großstadt, vermutlich Berlin, im Frühjahr 2013: Hier lebt die junge Beba, die einem kriegsgebeutelten Land entfliehen konnte und seit drei Jahren als Prostituierte Geld verdient. Doch sie sehnt sich danach, wie ihr ermordeter Vater, Lügen von gestern und heute Klavier zu spielen und träumt von einer Karriere als Jazzpianistin. Isa, eine Studentin mit wohlsituierten Eltern hat ihr bequemes Leben gründlich satt und schließt sich einer linken, zunehmend radikalen Gruppe an, die sich gegen die Räumung eines illegalen Flüchtlingscamps wehrt. Innensenator Joachim Otten muss entscheiden, wie er mit den Flüchtlingen und den Demonstranten verfährt. Wehmütig denkt er an seine Jugendzeit zurück, als er selbst gegen seine Eltern aufbegehrte und auch einmal Hausbesetzer war. Isa beißt sich an Otten als Feindbild regelrecht fest. Sie beschimpft ihn als "fett" und "feist" und als Nazi. Der Roman wird von einer Friedhofsszene eingerahmt. Nur hier treffen alle drei Hauptfiguren aufeinander. Alle müssen Entscheidungen treffen, Weichen in ihrem Leben stellen. - Ein dramatischer Roman, der das Flüchtlingsthema, die Arbeit der Politiker und das Handeln der zumeist jugendlichen Aktivisten verständnisvoll, jedoch nicht unkritisch beleuchtet. Immer wieder finden sich sehr schöne poetische Landschaftsbeschreibungen im Text, z.B. in den Rückblenden in Bebas Heimat. Sie bilden einen Kontrast zur rauen, polemischen Sprache der linken Aktivisten. Ein kluger politischer Roman, der vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise gesellschaftliche (Un-) Ordnung fundiert hinterfragt und an das Verantwortungsgefühl jedes einzelnen appelliert. Lesenswert!

Birgit Fromme

Birgit Fromme

rezensiert für den Borromäusverein.

Lügen von gestern und heute

Lügen von gestern und heute

Ursula Fricker
Dt. Taschenbuch-Verl. (2016)

362 S.
fest geb.

MedienNr.: 585009
ISBN 978-3-423-28073-0
9783423280730
ca. 21,90 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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