Trauriger Tiger
Neige Sinno wurde von ihrem Stiefvater als Kind jahrelang vergewaltigt. Mit Mitte 40 schreibt sie ein Buch darüber. Als ihre Mutter den Stiefvater kennenlernt, ist Neige sechs Jahre alt, die Schwester vier. Neige kann sich nicht erinnern, wann der
Missbrauch begonnen hat, irgendwann zwischen ihrem 6. und 8. Lebensjahr. Das Kind wagt es nicht, jemandem davon zu erzählen. Bis Neige 14 Jahre alt ist, vergeht der Stiefvater sich an ihr. Erst Jahre später vertraut sie sich ihrer Mutter an. Der Stiefvater wird angeklagt und zu neun Jahren Haft verurteilt. – Die französische Autorin, die heute in Mexiko lebt, hat einen öffentlichen Prozess gewünscht. Damit holt sie das Thema mitten in die Gesellschaft und bricht das jahrelange Schweigen in ihrer Familie. In ihrem Text schildert sie ihre Sicht und versucht auch, sich dem Täter und seiner Motivation zu nähern. In vielen literarischen Beispielen sucht sie Parallelen zu ihrem eigenen Erleben, bei Nabokov, Virginia Woolf, Annie Ernaux, Virginie Despentes oder Toni Morrison. Sie verwehrt sich gegen die gängige Vorstellung, die Opferrolle hinter sich gelassen zu haben, da sie ein scheinbar normales Leben mit Mann und Kind führt. Bewusst entscheidet sie sich gegen einen Roman und die Literarisierung des Themas. Sie nennt die Fakten und beschränkt sich auf wenige Gewaltszenen. – Ein mutiges, notwendiges Buch!
Susanne Emschermann
rezensiert für den Borromäusverein.
Trauriger Tiger
Neige Sinno ; aus dem Französischen von Michaela Meßner
dtv (2024)
299 Seiten
fest geb.