Die zweitgrößte Liebe
Nachdem der Laden der Schmuckdesignerin Michelle in der Lausitz pleite gegangen ist, quält die junge Frau eine große Existenzangst. Michelle geht nach Hamburg, jobbt in einem Luxushotel, findet eine winzige Wohnung und dreht jeden Cent um, damit
sie ihre Schulden abstottern kann. Dann trifft sie auf den privilegierten Henry. Er hat einen tollen Job, im Gegensatz zu ihr eine intakte Familie und eine große Eigentumswohnung. Henry ist eine fürsorgliche Konstante, Michelle eine freiheitsliebende Draufgängerin. Trotz oder vielleicht dank ihrer Unterschiede entwickelt sich schnell eine Liebesbeziehung. Michelle genießt es, zusammen mit Henry Dinge machen zu können, die sie sich niemals hätte leisten können, fühlt sich aber zunehmend fremdbestimmt. Sie würde am liebsten mit der Schmuckherstellung weitermachen, aber dafür braucht sie Henrys finanzielle Unterstützung, was sie in die Abhängigkeit führen würde. – Schon im Prolog wird ein abrupter Einschnitt in der Beziehung vorweggenommen und damit hat die Autorin den Rahmen für diese zugleich schöne als auch beklemmende Liebesgeschichte gesetzt. Wie in ihrem Debüt „Die schönste Version“ (BP/mp 24/1019), das u. a. für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, schildert die Autorin hier erneut eine komplizierte Liebesbeziehung und die Sozialisation einer jungen Frau. Thomas, in Cottbus geboren, kennt die unterschiedlichen Voraussetzungen in Ost- und Westdeutschland, die auch für die nach der Wende geborene Generation Realität ist. Das Anprangern sozialer Ungerechtigkeiten ist für die Autorin eine wichtige Antriebskraft beim Schreiben. Ein packendes Porträt einer verwegenen jungen Frau, die zwischen emotionalen und materiellen Bedürfnissen hin- und hergerissen ist.
Maria Holgersson
rezensiert für den Borromäusverein.
Die zweitgrößte Liebe
Ruth-Maria Thomas
dtv (2026)
297 Seiten
fest geb.