Armes Ding
Der 19-jährige Waisenjunge Oskar lebt als Knecht bei Familie Blum auf einem abgelegenen Bauernhof in Norwegen. Eines Tages entdeckt er ein undefinierbares, verdrecktes Wesen im Wald. Es stellt sich als ein verwahrlostes, spät entwickeltes Mädchen
heraus. Oskar darf sich um das verängstigte Mädchen kümmern und dank seiner liebevollen Fürsorge wächst es schnell zu einer tüchtigen jungen Frau heran. Nachdem Oskar und das Mädchen ein Verhältnis angefangen haben, müssen sie vom Hof fliehen. In Oslo finden sie beim verstoßenen Sohn der Familie Blum Unterschlupf. Der führt das schöne, sonderbar sprechende Mädchen aus der Wildnis als Partyattraktion in seinen akademischen Kreisen vor. Während das Mädchen dem Nachtleben frönt, droht der an harter Arbeit gewöhnte Bauernbursche in der Großstadt einzugehen. – Der Norweger Matias Faldbakken, zugleich erfolgreicher Künstler und Autor, ist auch auf Ausstellungen und Bühnen in Deutschland in Erscheinung getreten. Im ersten Teil dieser bewegenden Geschichte beeindruckt Faldbakken mit seiner einfallsreichen, satirischen Erzählweise im Stile eines Märchens. Die realistische, zivilisationskritische Schilderung der dekadenten Großstadt im zweiten Teil zieht sich etwas in die Länge, bis es zu einem dramatischen Showdown und einem berührenden Abschluss kommt. Wie die beiden Ausreißer mit dem rasenden ICE die fast archaischen Verhältnissen auf dem Hof hinter sich lassen, um im Oslo der Moderne anzukommen, kann als Sinnbild der schnellen Transformation Norwegens von einem ländlich geprägten Land zu einem der meist technologisierten und wohlhabendsten Länder der Welt gesehen werden. Keine leichte Lektüre, aber eine Bereicherung.
Maria Holgersson
rezensiert für den Borromäusverein.
Armes Ding
Matias Faldbakken ; aus dem Norwegischen von Max Stadler
btb (2024)
219 Seiten
fest geb.