Jeder muss doch irgendwo sein
In diesem autobiografischen Roman spürt Dragan Velikic dem Leben derjenigen Menschen nach, die ihn geprägt haben - allen voran seine Mutter und deren Freundin Lisetta. Mit ihrer Kontrollsucht und mit eigenartigen Ritualen baute sich seine Mutter
ihre eigene Welt auf. Als sie eines Tages ihr Notizbuch mit Listen von Hotels, die sie besucht hatte, verliert, bricht für sie eine Welt zusammen. Ganz anders Lisetta, bei der die Kinder die Liebe erfahren, die sie bei ihrer Mutter vermissen, und die ihnen anhand von Fotos von ihrem Leben erzählt. Im Alter von 60 Jahren, als bei seiner Mutter Anzeichen von Demenz sichtbar werden, beginnt Velikic den Lebensstationen beider Frauen nachzuspüren, wobei er für diejenigen Lisettas bewusst die Ich-Form wählt, die seinen eigenen Freiheitsdrang anklingen lässt. Aus der personalen distanzierteren Perspektive dagegen nähert er sich den Ursachen des Handelns seiner Mutter - und damit seinem eigenen Handeln. Ein ehrliches Buch, in dem der Autor seine eigene Persönlichkeit mit der von Menschen in Verbindung bringt, die ihn geprägt haben. Dabei bezieht er die jeweilige politische und gesellschaftliche Situation in seine Betrachtungen ein. Für literarisch und an biografischen Entwicklungen interessierte Leser/innen. (Übers.: Mascha Dabic)
Adelgundis Hovestadt
rezensiert für den Borromäusverein.
Jeder muss doch irgendwo sein
Dragan Velikic
Hanser Berlin (2017)
301 S.
fest geb.