Tanz des Verrats
Ein Mann ist aus einem nicht genannten Krieg desertiert, versteckt sich in den Bergen seiner Kindheit, wo er auf eine Frau trifft, die ihr Dorf verlassen hat und ihn wegen früherer Gewalttaten fürchtet. In einem alternierenden, unabhängigen Erzählstrang
erinnert sich Irina, Tochter des bekannten (fiktiven) Mathematikers, überzeugten Kommunisten und DDR-Bürgers Paul Heudeber, an ein Symposium zu seinen Ehren. Der Vater, einst im Lager Gurs interniert und Buchenwald-Überlebender, ist da bereits seit einigen Jahren tot. Ihre Mutter Maja Scharnhorst, die in Westdeutschland in der SPD politisch Karriere gemacht hatte, mit 83 Jahren immer noch eine charismatische Person, zog auf der Veranstaltung viele Blicke auf sich, bis die TV-Bilder aus New York am Abend jenes 11. Septembers 2001 die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden einforderten. Von der großen Liebe ihrer Eltern zueinander über die trennende Mauer hinweg zeugen Pauls poetische Liebesbriefe an Maja. Von den Schatten dieser Liebe erfährt Irina erst ein paar Jahre nach dem Tod ihrer Mutter. - Wer Enard kennt, weiß um seine Gelehrtheit, die u.a. in den Kolloquium-Beiträgen und auf dem Wannsee zum Ausdruck kommen. Im Kontrast dazu steht die raue Geschichte um den namenlosen Soldaten in den Bergen, mit eingeschobenen Sätzen in der Du- bzw. Ich-Perspektive unmittelbarer und letztendlich auch näher an der Rezensentin als Primzahlen und algebraischen Herausforderungen es sind. Dass Mathematik auch für Hoffnung stehen kann und übergreifende Themen wie Gewalt, Bleiben und Verlassen machen den zweigeteilten Roman trotz gewisser Herausforderungen lesenswert.
Barbara Sckell
rezensiert für den Borromäusverein.
Tanz des Verrats
Mathias Enard ; aus dem Französischen von Holger Fock und [einer weiteren]
Hanser Berlin (2024)
252 Seiten
fest geb.