Der letzte Sommer der Tauben
Das Kalifat übernimmt die Macht. Von einem Augenblick auf den anderen ändert sich das Leben vollständig. Der 14-jährige Noah züchtet Tauben, was für ihn den Lebensmittelpunkt darstellt. Aus seiner Perspektiver erzählt Abbas Khider, vielfach
ausgezeichneter deutscher Schriftsteller irakischer Herkunft, von der Machtübernahme in einem Staat, der namentlich nicht genannt wird, wohl aber den Irak meint. Wie erleben die einzelnen Familienmitglieder die lebensverändernde Situation? Der Vater, der seine Textilien nicht mehr verkaufen darf, muss die Gesichter der Frauen auf den noch erlaubten Verpackungen schwärzen; der Onkel, dessen Café geschlossen bleibt; die verheiratete Schwester, deren Mann, ein Polizist des alten Regimes, verhaftet ist; der Bruder, der zum Handlanger des neuen Regimes wird, die Frauen, die nicht mehr allein und nur noch verhüllt auf die Straße dürfen ... In kleinen Erzählhäppchen von nur wenigen Seiten Länge erzählt Abbas Khider von Noahs Alltag und dem seiner Familie, geprägt von grausamer Brutalität (Steinigung einer Frau) einer frauenverachtenden Ideologie. Noah und sein Freund beginnen mit kleinen subversiven Aktionen, was ihnen beinahe zum Verhängnis wird. Und die Taubenzucht bleibt sein Lebensmittelpunkt und das einzig Lebenswerte, bildet für ihn Halt und Kontinuität. Doch dann verbieten die Gotteskrieger auch das Halten der Tauben. „Das Fliegen nicht verlernen“ wird zum Schlüsselsatz. – Ein nachdenklich stimmender Roman über eine herausfordernde Situation, der aber dennoch eine Portion Humor aufweist. Allen Büchereien nachdrücklich empfohlen.
Wilfried Funke
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der letzte Sommer der Tauben
Abbas Khider
Hanser (2026)
214 Seiten
fest geb.