Das Lieben danach
Helene Bracht wagt es, sich verletzlich zu machen: Die heute 70-Jährige begibt sich – ausgestattet mit fachlichem Rüstzeug als praktizierende Psychologin – auf Spurensuche in ihrem von sexuellem Missbrauch im Kindesalter geprägten Liebesleben.
Sie war fünf, als der Missbrauch durch den Untermieter der Eltern begann. Wie es möglich war, dass dies drei Jahre lang unentdeckt blieb, warum sie das alles aus ihrer damaligen Sicht "freiwillig" ertrug und zur "Verbündeten" ihres Peinigers wurde, das Ende nach der Entdeckung gleichermaßen als Befreiung wie als Verlust empfand, beschreibt und analysiert die Autorin sehr offen. Auch dass sie selbst später mehr als einmal übergriffig wurde, verschweigt sie nicht; ebensowenig, dass sie als vermeintlich erfahrene und abgeklärte Frau im mittleren Alter einem Beziehungsschwindler verfiel. Ihr Erleben setzt sie auch in Beziehung zum jeweils vorherrschenden gesellschaftlichen Klima der Bundesrepublik, von der katholischen Sozialisation bis zu #MeToo. Dass sie "dabei eine Geschichte der Bundesrepublik" erzähle, wie es im Klappentext heißt, ist allerdings zu hoch gegriffen. Das tut aber dem Gehalt dieses außergewöhnlichen Buches keinerlei Abbruch. Es gibt am persönlichen Beispiel Einblick in psychologische Mechanismen von Missbrauch nicht nur von Kindern und gibt Anstöße zu einer wirklichen Aufarbeitung noch immer tief verankerter gesellschaftlicher Denkweisen. Dies alles gelingt der Autorin ohne Anklage oder Verbitterung, in oftmals literarisch-bildhafter Sprache. Während Brachts heutige Idealvorstellung von Sexualität mit christlichen Werten kompatibel ist, liegt ihr früheres Liebesleben, das sie rückblickend durchaus selbstkritisch sieht, ziemlich quer zu katholischen Moralvorstellungen; dennoch sollte das Buch ab mittleren Beständen gerade auch in katholischen Büchereien angeboten werden, denn es trägt zum Verständnis für Betroffene bei (wohl nicht zuletzt bei diesen selbst) und bringt vernachlässigte Aspekte in die aktuellen Missbrauchsdebatten ein. Weite Verbreitung und Beachtung ist ihm sehr zu wünschen!
Monika Graf
rezensiert für den Borromäusverein.
Das Lieben danach
Helene Bracht
Hanser (2025)
191 Seiten
fest geb.