Irma tanzt
Die Psychologin, Schauspielerin und Theaterregisseurin Helene Bracht, die im Alter von knapp 70 Jahren ihr hochgelobtes literarisches Debüt veröffentlicht hat, legt nun das zweite autobiografisch geprägte Werk vor. Sie schreibt in einem ganz besonderen
Stil: Einfühlsam, aber dennoch leicht und ohne großes Pathos erzählt sie hier vom letzten Sommer ihrer Mutter Irma, die nach einem Schlaganfall verwirrt im Krankenhaus liegt. Zwischen mehreren Zeitebenen wechselnd berichtet die Ich-Erzählerin von ihren Besuchen am Krankenbett, von der eigenen Einsamkeit, wenn sie nach diesen Treffen in das leere Haus zurückkehrt, und von den verschiedenen Stationen im Leben ihrer Mutter. Irma hatte kein einfaches Leben. Sie wuchs in den ersten Lebensjahren im Kinderheim und später als Pflegekind bei einer Tante auf, musste sich als junge Frau in einer toxischen Beziehung mit einem kriegsversehrten Kaufmann unterordnen und durfte erst als Seniorin die wahre Liebe erfahren. Die Ich-Erzählerin findet im Haus ihrer Mutter einen früheren Briefwechsel ihrer Eltern, der die Ausmaße der schwierigen Ehe deutlich werden lässt. Dass Irma im hohen Alter einmal als Tänzerin auf der Bühne stand und letztendlich ihre letzte Ruhestätte neben ihrem Geliebten findet, verleiht der von Kriegs- und Gewalterfahrungen geprägten Biografie ein versöhnliches, tröstendes Ende.
Franziska Knogl
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Irma tanzt
Helene Bracht
Hanser (2026)
188 Seiten
fest geb.