Zeiten erhöhter Gefahr
Jot ist Mitte 50 und ein Sicherheits- und Kontrollfreak, passend dazu arbeitet er in einer Schweizer Firma für Bunkerbau. Bei einer Joggingrunde findet er eine männliche Leiche, was ihn vollkommen aus der Bahn wirft. Er glaubt nicht an die Erklärung
des Selbstmordes, versucht selbst zu ermitteln und verliert dabei allmählich die Kontrolle über seine kognitiven und intellektuellen Fähigkeiten, wozu auch die Lektüre von Kafkas „Der Prozess“ beiträgt. Fantasie und Wirklichkeit gehen allmählich ineinander über und führen zu Realitätsverlust und verstörenden Panikattacken. Schließlich muss seine Tochter aus NY zu ihm zurückkehren und findet ihren Vater verzweifelt wie einen weinenden zwölfjährigen Jungen vor. – Julia von Lucadou ist ein ebenso spannender wie literarisch genauer psychologischer Thriller über Angst und Verdrängung gelungen, hier am Beispiel eines „typischen“ Mannes seines Alters, der jahrzehntelang alle seine Gefühle meisterhaft verdrängt hat. Erst das Bild des toten Mannes stößt die Tür zu seiner Erinnerung auf, die er als Missbrauchsbrauchsopfer hermetisch verschlossen hat. – Ein tolles Buch, nicht nur, aber gerade auch für anspruchsvollere männliche Leser.
Michael Sanetra
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Zeiten erhöhter Gefahr
Julia von Lucadou
Hanser Berlin (2026)
222 Seiten
fest geb.