Zeiten erhöhter Gefahr
Jot, dem die Vorsichtsmaßnahmen der Bundesrepublik bezüglich Zivilschutz nicht ausreichend scheinen, ist vor einigen Jahren in die Schweiz gezogen. Seitdem kennt er das "rote Büchlein"; sprich, die Zivilraumordnung seiner Wahlheimat, auswendig.
Für ihn ist Vorsorge und Kontrolle alles. Dass dieser Zwang seine Ehe und die Beziehung zu seiner Tochter scheitern ließ, können die Zuhörer:innen nur ahnen. Eines Tages findet er beim Joggen die Leiche eines jungen Mannes. Während er an ein Verbrechen glaubt, legt die Polizei die Angelegenheit als Suizid zu den Akten. Sein bis ins Kleinste geregelter Alltag gerät ins Wanken, er ist kaum noch in der Lage, seine Arbeit bei einem Schutzraumhersteller auszuführen. Er hat doch gesehen, dass der Tote missbraucht wurde, oder etwa nicht? Mehr und mehr ist er sich seiner Erinnerungen nicht mehr sicher. Erinnerungen, die ihn in seine Schulzeit zurückführen und die lange verdrängt wurden. Was zuerst wie ein Krimi anmutet, wird zu einer meisterhaften Erzählung rund um Kontrolle, Verdrängung und Traumata, die auch an die nächste Generation weitergegeben werden, und der Suche nach einer Strategie, all dies zu bekämpfen. Oskar Ketelhut liest diesen grandiosen Band mit einer Intensität, die unter die Haut geht. Überall empfohlen.
Barbara Dorn
rezensiert für den Borromäusverein.
Zeiten erhöhter Gefahr
Julia von Lucadou ; gelesen von Oskar Ketelhut
audiolino (2026)
1 mp3-CD (circa 368 min)
mp3-CD