Enkel ohne Gott?
„Enkel ohne Gott?“ Nein, natürlich gibt es keine Enkel ohne Gott, weil Gottes Liebe niemanden ausschließt. So einfach lässt sich die titelgebende Leitfrage des Autors, langjähriger Theologe und Psychotherapeut, aber nicht auflösen. Viele Großeltern,
wie Wunibald Müller selbst, sind mit einer kirchen- und glaubensfernen Lebenswirklichkeit ihrer Kinder und Enkel konfrontiert. Und möchten hier im Rahmen ihrer Möglichkeiten instinktiv gegensteuern. Doch von der Vermittlung volkskirchlich geprägter Rituale und Traditionen der Vergangenheit rät der Autor ab. Es gelte, die „Verbuntung“ auf dem Gebiet der Spiritualität zu akzeptieren und besser mit dem Vorleben eigener Glaubensgewissheiten Impulse bei den Enkeln zu setzen. Müller überrascht seine Leser, wenn er die Fragestellung umkehrt und den besorgten Großeltern rät, die Irritationen, die sie familiär erleben als Chance für eine Überholung der eigenen Gottesbeziehung anzunehmen, vielleicht gar eine Befreiung zu erleben. Mit anderen Worten, können sie selbst glauben, dass Gottes Gnade ihrem Tun zuvorkommt? Spätestens ab hier wird klar, man hält kein Selbsthilfebuch mit Lösungsschablonen in der Hand, sondern zuallererst ein Trostbuch zur Selbstreflexion, aufrüttelnd, dabei alltagstauglich, im Ton ebenso liebevoll wie nachdrücklich. Es finden sich griffige Formulierungen, häufig eingebettet in eine Spiritualität, die an Theresa von Avila oder auch Karl Rahner erinnern. Für alle Bestände sehr geeignet.
Werner Wagner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Enkel ohne Gott?
Wunibald Müller
Herder (2026)
190 Seiten
fest geb.