Ostblockherz

"Wir sind Familie, wir sind uns fremd." In der Anfang der 1990er Jahre aus dem slowakischen Bratislava nach Wien ausgewanderten Familie der Erzählerin Didi gibt es keine Sprache für Gefühle – und es fehlt in dem autobiografischen Roman überhaupt Ostblockherz an Wörtern und Sätzen, in die man Emotionen oder familiäre Intimität kleiden könnte. Bei dem über längere Zeit unsicheren Aufenthaltsstatus ist alles auf das Ankommen im neuen Land ausgerichtet. Die Zuneigung der Eltern manifestiert sich in der Bürde der selbstauferlegten Aufgabe, durch die Auswanderung für die besseren Zukunftschancen der Kinder zu sorgen. Dafür nehmen sie, beide Akademiker mit universitären Abschlüssen, in Österreich berufliche Rückschritte, prekäre Hilfsjobs und Zeitarbeit in Kauf. Aber auch den Kindern, allen voran der "Eldest Immigrant Daughter" Didi, wird viel aufgebürdet. Von klein auf jongliert sie zwischen mehreren Rollen – der glänzenden Einser-Schülerin und Nachhilfelehrerin für ihren jüngeren Bruder, der Kulturvermittlerin und Dolmetscherin, die ihre Eltern bei den Behördengängen und Bewerbungsgesprächen begleitet. In keiner dieser Rollen darf Didi versagen, nie darf sie auffallen – und immer muss sie besser als die anderen sein. Dieser immense Erwartungsdruck entfernt sie zunehmend von ihrem Vater. Mehr als zehn Jahre lang haben sie keinen Kontakt mehr, bis Didi von ihm einen Anruf aus dem Krankenhaus erhält. – Der warmherzige, in leisen Tönen erzählte Roman wird allen LeserInnen mit Interesse an einer überzeugenden literarischen Verarbeitung von Migration, Identität und Zugehörigkeit empfohlen.

Slávka Rude-Porubská

Slávka Rude-Porubská

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Ostblockherz

Ostblockherz

Didi Drobna
Piper (2025)

167 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 622547
ISBN 978-3-492-07280-9
9783492072809
ca. 22,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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