Der Junge
Am 23. Oktober 1980 sterben in dem kleinen Ort Ortuella im spanischen Baskenland 50 Grundschüler, zwei Lehrer und eine Küchenkraft bei einer Gasexplosion im Keller der Schule. Einer davon ist der 8-jährige Nuco, der an diesem Morgen gar nicht aufstehen
wollte, dann aber überredet wurde. Sein Opa Nicasio brachte ihn zum Unterricht – und macht sich nun bittere Vorwürfe. Der Autor beschreibt zunächst die Katastrophe, dann die Dynamik der Trauer hautnah und exemplarisch an Nucos Familie. Jedes Familienmitglied geht anders mit dem unsagbaren Verlust um. Mutter Mariaje und Vater José wollen im Schockzustand schnell ein weiteres Kind zeugen, um die Lücke zu füllen. Als das nicht funktioniert, scheint sich das Paar voneinander zu entfernen. Mariaje schaut nach vorne, sucht nach einer beruflichen Veränderung. Der gutmütige José igelt sich ein, zweifelt an sich selbst und leidet zusätzlich an Sorgen um seinen Arbeitsplatz. Großvater Nicasio blendet den Tod des geliebten Enkels aus. Er spricht nicht nur auf dem Friedhof mit ihm, sondern führt ihn auch an der Hand spazieren. Mariaje macht sich Sorgen um ihren Vater, die Nachbarn halten ihn für psychisch krank. – Man darf den Protagonisten tief in ihre Gedanken und Seele blicken, sodass ihr Handeln nachvollziehbar wird. Alle Charaktere verändern oder entwickeln sich unter der Last der Trauer. Gut gehütete Geheimnisse drängen an die Oberfläche und richten weiteren Schaden an. Das Schweigen zwischen Mariaje und José verdichtet sich und Nicasio flieht weiter in seine eigene Welt. Auch der Roman selbst bekommt eine Stimme in zehn Einschüben, in denen die Konflikte verdeutlicht werden, die sich offenbar während des Schreibprozesses ergeben haben. Diese Perspektive ist hochspannend, nimmt sie doch Verständnisfragen oder Kritik vorweg, um sich daran zu reiben. "Der Roman debattiert mit seinem Schöpfer, stellt ihn in Frage und analysiert selbstständig." – Ein brillanter Roman, gerne allen Beständen empfohlen.
Jutta Weber
rezensiert für den Borromäusverein.
Der Junge
Fernando Aramburu ; aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Rowohlt (2025)
253 Seiten
fest geb.