Mikado-Wälder
Tsarelli ist ehemaliger Meister im Diskuswerfen, aber der Wettkampf, den er heute bestreitet, scheint weitaus schwieriger als der Kampf um Medaillen. Er bildet das Oberhaupt einer teilweise selbst gewählten Großfamilie mit Mitgliedern, die unterschiedlicher
nicht sein könnten: Seine Tochter Mona hat mit Eric zusammen einen elfjährigen Sohn namens Oskar, der seine gesamte Zeit damit verbringt, Holzkisten zu bauen, die er mit Luft füllt. Mona hat eine Beziehung mit Johannes, in dessen Gegenwart sie aber immer an Eric denkt. Eric dagegen ist mit Valerie zusammen, die selbst schon festgestellt hat, dass sie in das Dreieck von Vater, Mutter und Sohn nicht hineinpasst. Und dann ist da Georgi, der ehemalige Schachmeister, der sich nichts sehnsüchtiger wünscht, als wieder mit seiner Frau Dina zusammen zu sein, die ihn vor Jahren verlassen hat. Über all diesen Menschen schwebt der Geist der verstorbenen Ruth, Tsarellis Frau. All diese Charaktere mit ihren Eigenarten, selbst gewählten Kämpfen und Unsicherheiten fallen in diesem Roman übereinander wie Mikadostäbe und streben doch alle einem Ziel entgegen. So zart und doch so treffsicher beschrieben leidet der Leser mit jedem einzelnen Familienmitglied mit und kann am Ende nur staunen, wie jeder Satz zum nächsten und zum Ziel führt. Der Debütroman der Hamburgerin Marie-Alice Schultz ist kein leichtes Buch und doch trägt die Geschichte ihre Leser*innen mit Leichtigkeit davon. Für literarisch interessierte Leser.
Barbara Dorn
rezensiert für den Borromäusverein.
Mikado-Wälder
Marie-Alice Schultz
Rowohlt Hundert Augen (2019)
317 S. : Ill.
fest geb.