Das tickende Herz
Carl, gelernter Maurer, hat zur Jahrtausendwende in Berlin seinen ersten Gedichtband publiziert. An einer Hotelbar trifft er Aysha: Asiatin, Übersetzerin, Mirakel. Auf ihre Bitte hin öffnet er ihr seine rechte Hand, sie streicht über den Handballen:
„Die Linie, an der wir entlanggehen werden, liegt unterhalb des Wunsches.“ Die Berührung hinterlässt bei Carl nicht nur Eindruck und Sehnsüchte, sondern er spürt eine Verhärtung, die ihn bei seinen Maureraufgaben hindert. Nachdem er mit einer Nagelschere der Ursache nicht beikommen kann, verheilt die Wunde nicht mehr. Doch nun erhält Carl eine Einladung zu einem Lyrikerfestival in Rotterdam. Er trifft dort wieder auf Aysha, die eine verschworene Autorenschar mit mystischer Zuwendung zum Urgrund, zu Gaia, verbindet. Nach gut dotierten Lesestationen in europäischen Städten werden Carl und Aysha in Vilnius ein Paar. Carl lernt, dass Aysha dem Volksstamm der Bakshy, einer asiatischen Barden- und Heilerdynastie entstammt. Weil sie sich als Nachfolgerin ihres Vaters sieht, kehrt sie im Sommer 2001 in ihre Heimat zurück. Carl nimmt eine Einladung zur Lesereise nach Pawlodar in Kasachstan an. Sein Berliner Freund Frankie gibt ihm als „tickendes Herz“ einen Geigerzähler mit. Als Carl im Oktober in Kasachstan ankommt, hat 9/11 die Geister der Erde – insbesondere im nach Kasachstan verlagerten Tschernobyl – in Unruhe versetzt und die Bakshy setzen Carl ein, um Ruhe zu stiften. Er überlebt und wird nach Berlin zurückgebracht. Frankie nimmt ihn auf und schließt sich mit Carl den Freunden von Mutter Erde an. – Ein packender Roman über eine geistverwandte internationale Gemeinschaft zum Schutz der Schöpfung, der die Lebensgeschichte Carls aus „Stern 111“ (BP/mp 20/431) fortsetzt. Mit poetischer Kraft zeichnet Seiler einige Charaktere, die im lauten Alltag unserer Zeit nicht auffallen, die aber sicher sind, mit nicht nur spirituellem Durchsetzungswillen die Grundfesten der Erde sichern zu müssen. Anspruchsvolle, empfehlenswerte Lektüre.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Das tickende Herz
Lutz Seiler
Suhrkamp (2026)
458 Seiten
fest geb.