Sputnik
Berlin in den 1930er Jahren: Otto, ein Mann aus gutbürgerlichem Haus, und Sala, eine Jüdin, verlieben sich. Doch ihre Beziehung wird durch die nationalsozialistische Verfolgung jäh auseinandergerissen. Sala flieht zunächst, wird dann im französischen
Internierungslager Gurs festgehalten und gelangt schließlich nach Buenos Aires. Nach dem Krieg kehrt sie nach Berlin zurück und begegnet Otto wieder, der viele Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft überlebt hat. Gemeinsam bekommen sie einen Sohn. Geboren am Tag des Starts des ersten sowjetischen Satelliten 1957, nennen sie ihn Sputnik. Sputnik wächst in einem liebevollen, intellektuell geprägten Elternhaus im Nachkriegsdeutschland auf. Früh lernt er durch seine Mutter die französische Sprache. Als Jugendlicher entfremdet er sich zunehmend von seinen Eltern und träumt davon, Schauspieler zu werden. Mit 15 zieht er nach Paris, taucht in die Literaturszene ein, sammelt erste sexuelle Erfahrungen und verliebt sich. Trotz seiner Sprachkenntnisse bleibt ihm in Frankreich wegen seiner deutschen Herkunft die gesellschaftliche Integration verwehrt. Er kehrt nach Berlin zurück, es folgt eine intensive Zeit des Suchens, geprägt von Drogen, Frauen und existenziellen Fragen. Schließlich findet er seinen Weg und erfüllt sich seinen Traum: Er wird Schauspieler. – Berkel liefert mit seinem dritten autobiografisch geprägten Roman nach "Der Apfelbaum" und "Ada" (BP/mp 19/139, 21/136) ein Bild seiner Kindheit und Jugend. Themen wie Identität, Familie, Liebe, Kultur und kollektives Erleben ziehen sich durch alle Lebensstationen. Atmosphärisch dicht, nahbar und mit klarer Sprache gelingt es dem Autor, Einblicke in die gesellschaftliche Atmosphäre der 1960er und 70er Jahre zu vermitteln und ein Gefühl von Aufbruch und Selbstsuche spürbar zu machen, er gewährt jedoch nie den Blick hinter die Fassade. – Die autofiktionale poetisch-philosophische, schonungslos offene Lebensgeschichte ist für Freunde des Genres eine lohnende Lektüre.
Günther Freund
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Sputnik
Christian Berkel
Ullstein (2025)
381 Seiten
fest geb.