Die Ungelebten
Jennifer ist 41, verheiratet und hat drei Kinder; dazu führt sie das Schlagerplattenlabel ihres Vaters Bernd erfolgreich weiter. Gleich am Anfang resümiert sie: „… es war normal, dass die Kraft einer Frau irgendwann nur noch in das Leben der
anderen floss. Dass es da ein Baby, ein Kind, einen Vater, einen Mann oder einen alten Hund gab, der es notwendig machte, jede Selbstbezogenheit aufzugeben …“ (S. 19). Das klingt nach einer Midlife-Crisis! Dazu muss sie sich um die Vergewaltigungsanzeige der Sängerin Lorelei gegen ihren Vater kümmern. – In Rückblicken erfährt man mehr über ihre Kindheit: Als sie 14 war, hatte ihr Jugendfreund Paul einen Unfall, war ins Eis eingebrochen. Damals bekam Jennifer wieder Psychopharmaka, wie schon als kleines Mädchen, als die Mutter die Familie verlassen hatte. Dass dabei Bernd sehr manipulativ beteiligt war, erfährt man nach und nach, und das macht den Roman zu einem Thriller mit einer eindrücklichen Protagonistin als Opfer. Und er ist ein feministisches Buch, der ins Allgemeine zielt, indem Jennifer nüchtern Bilanz zieht über die Folgen des Patriarchats für die Frauen ihrer Elterngeneration, um dann lakonisch festzustellen, dass es ihrer eigenen genauso ergeht.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Die Ungelebten
Caroline Rosales
Ullstein (2024)
299 Seiten
fest geb.