Das Ende und der Anfang
Als im September 1943 angesichts der vorrückenden US-Truppen das italienische Heer die Kämpfe einstellte, wurde Mussolini abgesetzt und vorerst auf der Insel Ponza interniert. Später verbrachte man ihn auf den Gran Sasso auf dem Apennin. Doch bei
der deutschen Besetzung Italiens wurde der Duce befreit und am Gardasee als Führer der neu gegründeten italienischen sozialistischen Republik eingesetzt. Und somit agierten die faschistischen Kader weiter bis zum Ende im April 1945. Dem Terror dieser zahlreichen neu entstandenen Gruppierungen fielen unzählige Antifaschisten, Partisanen, missliebige Privatleute zum Opfer. Mussolini trifft sich noch einmal mit Hitler und glaubt dessen Versprechen, dass mit neuen Wunderwaffen eine Wende herbeigeführt werden könne. Aber das Ende ist absehbar und der Duce schwankt zwischen dem Vorsatz des heldenhaften Untergangs oder der feigen Flucht. Und dann bei dieser Flucht wird er entdeckt, nach Mailand gebracht und dort mit seiner langjährigen Geliebten Clara Petacci erschossen. Die Leichname wurden, übel zugerichtet, auf einem Friedhof verscharrt und Jahre später in seinem Geburtsort Predappio in der Emilia Romagna beigesetzt, heute ein Wallfahrtsort für die zahlreichen Neofaschisten. – Wie schon in den vorherigen Bänden (zuletzt: BP/mp 25/462) hat der renommierte Autor die Geschehnisse akribisch rekonstruiert und anhand zahlreicher Originaldokumente nacherzählt. Viele Auszüge aus Tagebucheinträgen und Briefen – auch und gerade von Mussolini – vermitteln eine beeindruckende Unmittelbarkeit. Erzählt wird alles nüchtern, eindringlich in prägnanten Sätzen. Ein Schlussabschnitt, bezeichnet „Die Toten“ gibt einen Überblick über die etwa drei Dutzend wichtigsten Protagonisten dieser Jahre, von Mussolinis Frau, Tochter, Schwiegersohn bis zu politischen Gefährten und Gegnern. Ein Buch, das allen, die sich für italienische und europäische Geschichte interessieren, bestens empfohlen werden kann.
Erwin Wieser
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Das Ende und der Anfang
Antonio Scurati ; aus dem Italienischen von Verena von Koskull
Klett-Cotta (2026)
M
359 Seiten
fest geb.