Die Stute
Velvet wächst mit Mutter und Bruder in einer ärmlichen Gegend New Yorks auf. Sie wird von einer wohltätigen Organisation zu einem Ferienaufenthalt bei einer Akademikerfamilie in einem ländlichen Vorort vermittelt. Die Ehefrau Ginger, deren Kinderwunsch
unerfüllt blieb, lädt sie auch später immer wieder ein. Die Frau wird als Gegenpol zu Velvets Mutter geschildert. Doch mehr noch als die Familie lockt Velvet ein Reitstall in der Nähe. Sie entwickelt sich zu einer begabten Reiterin; ihr Herz gehört einer Stute mit psychischen Verletzungen, deren Vertrauen sie in einem langen Prozess gewinnt. Vehement wehrt sich die Mutter, die den Bruder verhätschelt, gegen das Reiten. Um des Tieres willen setzt sich die Jugendliche diesem Spannungsfeld aus, bis sie nach Jahren endlich an einem Turnier teilnehmen kann. - Der Reiz dieses Entwicklungsromans beruht auf den großen Gegensätzen der beiden Handlungsorte. Eine Regel, die im einen gilt, ist im anderen falsch. Das zeigt sich besonders kurios darin, dass Velvet mit Ginger oft Hausaufgaben macht, die Arbeiten aber in der Schule entsprechend dem dort üblichen Gruppenverhalten gar nicht abgibt. Der Roman zeigt auch, wie weit US-amerikanische Gesellschaftsgruppen voneinander entfernt sind, bis hin zu massiven Sprachbarrieren. Wirklich lesenswert. (Übers.: Barbara Heller u. Rudolf Sorge)
Pauline Lindner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Stute
Mary Gaitskill
Klett-Cotta (2017)
541 S.
fest geb.