Milchgesicht

Bestiarien sind mittelalterliche allegorische Tierbücher. Die zehn unterschiedlich langen Erzählungen in Jan Snelas Buch verbindet auf skurrile Weise die Affinität zum Tier, doch in ironischer Brechung. Gleich in der Eingangs- und Titelgeschichte Milchgesicht wird der Leser mit einer Kaskade gleichlautender Worte überschüttet. Man ist versucht, zumindest passagenweise laut zu lesen, damit der herrliche Rap-Rhythmus zur Geltung kommt. Die längste Geschichte, "Das Wiesel", mag symptomatisch stehen für Snelas Verfahren, die Dinge ihres konventionellen Realzusammenhangs zu berauben und sie mit Suggestionskraft aufzuladen: Als Henri whiskeybenebelt von einer Party nach Hause geht, erblickt er "wie Wahngebilde ... im Camouflagegeflirre kniehoher Hitzeschwaden" (49) ein Wiesel, das ihm kurz wie eine in Nerz gehüllte, darunter bestrapste Diva erscheint. Eigentlich sollte er an seiner Doktorarbeit übers "Anthropomorphe als Krux der Fabel" schreiben. Das Wiesel verfolgt ihn in seine Wohnung und verhilft ihm durch seine Anwesenheit zu ungebrochener Schreiblust. Henri selbst verwandelt sich dabei immer mehr hin zum Animalischen. Das Ganze ist köstlich zu lesen. Es gibt slapstickartige Verfolgungsjagden, satirische Anspielungen auf das Akademikerleben, überbordende Wortkreationen. - Ein sprachgewaltiges Spiel mit Realitäten.

Karin Blank

Karin Blank

rezensiert für den Borromäusverein.

Milchgesicht

Milchgesicht

Jan Snela
Klett-Cotta (2016)

181 S.
fest geb.

MedienNr.: 584680
ISBN 978-3-608-98307-4
9783608983074
ca. 17,95 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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