Unschärfen der Liebe
Der Reiseroman erzählt als Fortsetzungsbuch die Geschichte Barans, Clas und Alvas. Baran ist ein in Deutschland aufgewachsener türkisch-griechischer Mann und Lebenskünstler. Cla ist ein Schweizer Lehrer, der für Baran, in den er sich verliebt hatte,
nach Istanbul gezogen ist, um dort ein neues Leben zu beginnen. Beide besuchten Alva, die Exfrau Clas, die nach der Trennung das gemeinsame Kind allein aufzieht. Cla muss früher zurück und der Leser erfährt, dass Baran die verbleibenden Tage mit Alva in eine emotionale Krise gestürzt haben. Mit verwirrtem Herzen bricht Baran auf, hat er sich doch in der Schweiz in Alva verliebt und ist ihr nahegekommen. Das Reisen im Zug ermöglicht es ihm, noch ohne Halt zu bleiben und seine Gedanken, sein Leben an sich vorbeiziehen zu lassen. Menschliche Begegnungen, die von Krisen, Kriegen und dem Leben erzählen, vornehmlich in der brisanten Gegend des Balkan, schaffen Verstehensentwürfe für das Dilemma, in dem Baran steckt. Philosophische Exkurse, wie die Toleranzidee Konstantins in Religionsfragen, werden zur Metapher für Barans Dasein wie die ganze Reise als Metaebene der Reise zu sich selbst zu lesen ist. Sowohl Alva als auch Cla nähert sich Baran an - seelisch und physisch - eine Reise eben. Mit einem überraschenden Schluss endet die literarische Konstruktion der Erzählung stimmig. Kunstvoll verwebt sich das Eigentliche mit der Abstraktion und hält diesen doppelten Boden bis zum bildhaften Ende bei. Manchmal scheint die Idee überambitioniert, da sie so augenscheinlich ist. Overaths Sprache jedoch bleibt überzeugend und schön. Ein Roman wie eine Reflexion über die Liebe, an deren Unklarheiten der Mensch sich immer wieder reibt und aufreibt.
Christine Vornehm
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Unschärfen der Liebe
Angelika Overath
Luchterhand (2023)
221 Seiten : Karte
fest geb.