Calanda oder Alvas Antwort
Die Schweizer Lehrerin Alva hat mit den bisexuellen Cla und Baran zwei Kinder. Der Schweizer Cla blieb trotz Vaterschaft in der Türkei und gab sich interreligiösen Studien zu Nikolaus von Kues hin – und seiner Beziehung zu Baran. Dieser zog schon
vor der Geburt seines Kindes in die Schweiz und baute sich in Alvas Nähe, neben dem Engagement für die Kinder, eine neue wirtschaftliche Grundlage auf. Alvas größte Stütze ist ihre Jugendfreundin Seraina, die trotz großer beruflicher Möglichkeiten im Ausland in Alvas Nähe bleibt und sie vielfach unterstützt. Nach leichten Gehunsicherheiten lässt sich Alva gründlich untersuchen: ALS, eine sehr ernsthafte Muskelerkrankung, bisher ohne wirkliche Heilungschance. Auf einer Wanderung ins vertraute Gebirgsmassiv Calanda bei Chur will sich Alva Gewissheit verschaffen, mit wem sie über die Diagnose sprechen will. Und: „Ihr Leben gehört ihr ... Gehörte ihr ihr Tod?“, vielleicht schon auf dieser Bergtour? Unterwegs spürt sie ihren Erfahrungen – mit ihrer Mutter und Großmutter, mit den beiden Männern und ihren Kindern – nach. Und plötzlich begegnen ihr die vielen, von ihr nicht erwiderten Vertrautheiten mit Seraina. Und kurz vor dem Gipfel kann sie umkehren, mit sicher getroffenen Entscheidungen für ihre nächsten Lebensschritte. – Ein Roman mit großer poetischer Kraft, auf wirklich Entscheidendes ausgerichtet. In das Leben der vier Liebenden mit den Kindern hineingewoben sind spirituelle Tiefe, prägende Fluchterfahrungen ihrer Vorfahren und ihre gemeinsame Naturverbundenheit. Die hoch reflektive Kraft des Textes entfaltet sich besonders, wenn Lesende nach jedem Abschnitt eine Lesepause einlegen. – Nachdrücklich empfohlen.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Calanda oder Alvas Antwort
Angelika Overath
Luchterhand (2026)
155 Seiten
fest geb.