Wo die Toten sprechen

Die Toteninsel von Venedig mit dem Friedhof San Michele, auf dem Joseph Brodsky begraben liegt. Der Cimitero Monumentale di Sant' Anna in Triest mit der letzten Ruhestätte von Italo Svevo. Der Neue Jüdische Friedhof in Prag mit dem Grab von Franz Wo die Toten sprechen Kafka. In einem „weißen Sarg“, ergo dem alten Saab 900, fahren Miss Detroit, Caspar und Lorenzo rastlos quer durch Mitteleuropa von einem Friedhof zum anderen und gründen unterwegs eine Band, der sie den Namen „Dead Poets“ geben. Das seltsame Trio mit skurrilen Vorlieben für Gräber, Grüfte und Grabsteine lauscht jede Nacht den Stimmen der unzähligen Toten und erkennt darin ein Echo der eigenen – deutschen, tschechischen, jüdischen – Familiengeschichten, die vor allem durch das Schweigen über die Zeit des Nationalsozialismus geprägt sind. Dass die menschenverachtenden Ideologien und die Gewaltherrschaft autoritärer Regimes keineswegs nur der Vergangenheit angehören, machen im Text die Figuren der Kreuzspinnen klar, die nur „hassen, Bücher verbrennen und Dichter umbringen“ können und die in einem grauen Leichenwagen die Verfolgung der drei Freunde aufnehmen. Anspielungsreich und voller symbolischer Bilder changiert der Text zwischen Absurdität, Witz und Melancholie. Der Roman ist eine Hommage auf das multikulturelle und vielsprachige Erbe Europas und ein Plädoyer für die Erinnerungsarbeit und die verbindende Kraft der Kunst und Literatur zugleich.

Slávka Rude-Porubská

Slávka Rude-Porubská

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Wo die Toten sprechen

Wo die Toten sprechen

Jaroslav Rudis
Luchterhand (2026)

234 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 756317
ISBN 978-3-630-87739-6
9783630877396
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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