Wir könnten alles sein
Vater Rudy Cohen, Holocaust-Überlebender, gleicht die Spannungen zwischen Mutter und Töchtern aus, während seine Frau Frieda einerseits die Familie beim wöchentlichen Scrabble-Spiel zusammenhält, sich andererseits ihren Töchtern gegenüber wenig
liebevoll verhält. Tochter Nancy ist hübsch und beliebt, Shelly sehr intelligent, Mathe-Champion. Frieda redet sich ein, dass das Leben schön ist. Nach Rudys Tod 1972 geht Nancy aufs College, Shelly hat ein Stipendium, beide wollen weg von Frieda. Nancy wird mit 21 Jahren schwanger und gibt ihre Träume auf. Shelly macht Karriere in der aufblühenden Tech-Branche und sucht das Glück. Frieda arbeitet nach Rudys Tod im Pflegeheim, ihr Leben “versinkt im Chaos” und im Alkohol. Auch Enkelin Jess sucht ihre eigene Identität. – Die Lesenden begleiten die Frauen der Cohen-Familie über mehrere Jahrzehnte. Und verfolgen ihre beruflichen Entwicklungen, ihre Auseinandersetzungen, ihr Schweigen, ihre Frustration im Umgang miteinander, ihre ungeklärten Probleme … Sie wollen frei sein, weg von der Mutter und kommen doch nicht voneinander los. Und sie fragen sich, warum sie trotz vieler positiver Entwicklungen einfach nicht glücklich sein können, obwohl sie doch, wie der deutsche Titel sagt, alles sein könnten. – Eine feine, intelligente Analyse der Probleme von Frauen, die im Leben zurechtkommen wollen, und eine herausragende Schilderung familiärer Abgründe.
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Wir könnten alles sein
Jami Attenberg ; aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Christ
Schöffling & Co. (2026)
281 Seiten
fest geb.
Auszeichnung: Roman des Monats