Der doppelte Erich
Der Journalist und Literaturkritiker Tobias Lehmkuhl spürt in seinem Buch über Erich Kästner der Frage nach, ob und inwiefern dieser sich in den Jahren von 1933 bis 1945 der Kollaboration schuldig gemacht haben könnte. Er, der sich 1930 noch satirisch
in einem Text über Hitler lustig machen konnte, war als einziger Autor anwesend, als im Mai 1933 die große Bücherverbrennung stattfand, der auch seine Bücher zum Opfer fielen. Er wollte Zeitzeuge sein, während andere Autoren ins Exil gingen. Warum blieb er, fragt sich Lehmkuhl, aus Neugier, Unglaube, Abscheu? Wurde er ein Wendehals? Im Oktober 1934 bekommt er Publikationsverbot in Deutschland, doch bereits 1933 stellt er seine Produktion auf leichte Kost, Unterhaltung und satirefreie Komik um. Seinen Roman „Drei Männer im Schnee“ veröffentlicht er in Zürich, er wird ein weltweiter Erfolg. Die Exilierten werfen ihm vor, ein paar Filme „ohne ein politisches Wort“ geschrieben zu haben. So habe „das Nichtstun als Überlebensstrategie“ den Nachteil, dass es sich nachträglich so oder so deuten ließe. Zu einer eindeutigen Antwort kommt Lehmkuhl nicht. – Das Buch ist eher für eine an Kästner speziell interessierte Leserschaft geeignet.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Der doppelte Erich
Tobias Lehmkuhl
Rowohlt Berlin (2023)
300 Seiten : Illustrationen
fest geb.