Wunderland
Der Autor hat sich mit seinem Werk "Wolfszeit" mit den Anfängen der Nachkriegszeit beschäftigt. Mit diesem Buch wird nun die Fortsetzung der jüngeren deutschen Geschichte präsentiert. Es beginnt mit der Rückkehr der Kriegs- und sonstigen Gefangenen
aus Russland. Dann geht es weiter mit dem beginnenden Wirtschaftswunder, den Gastarbeitern aus Italien, Türkei, Spanien und Griechenland. Die Arbeit unter Tage wird thematisiert. Und dann im nächsten Kapitel beginnt schon allmählich sich die Überflussgesellschaft abzuzeichnen. Mit dem beginnenden Wohlstand hadern Deutschlands Intellektuelle. Und weiter geht es mit der Zustandsbeschreibung der herrschenden Sexualmoral und dem Mief jener Jahre. Die Verfolgung der gleichgeschlechtlichen Liebe – hier ist das Dritte Reich noch gegenwärtig. Die Aufrüstung beginnt mit der neuen Bundeswehr und dann v.a. nach dem Bau der Berliner Mauer im August 1961. Es ist die Rede von den "gespenstischen Vätern", dem Verdrängen der fürchterlichen Vergangenheit. Der Eichmann-Prozess in Jerusalem und kurz darauf die Auschwitzprozesse in Frankfurt rütteln dann aber doch viele Deutsche auf, ohne dass sich die Justiz künftig um weitere Täter groß kümmert, und wenn, dann gibt es beschämend milde Urteile. Deutschland genießt die neue Freiheit, diskutiert über die Beatles in Hamburg, über Gammler und Playboys, und dann beginnt die Ära Brandt und damit eine neue Art der Politik. Erste Versuche der Annäherung an den Staat im Osten werden in der Bonner Republik heftig diskutiert. – Insgesamt ist das eine sehr interessante, informative Beschreibung dieser Zeit, nie langweilig, im Gegenteil. Auch wenn viele Ereignisse und Zustände hinreichend bekannt sind, ist diese Geschichte so anschaulich präsentiert, dass nie das Gefühl einer reinen Geschichtsdarstellung aufkommt. Für Büchereien bestens geeignet.
Erwin Wieser
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Wunderland
Harald Jähner
Rowohlt Berlin (2025)
478 Seiten : Illustrationen
fest geb.