Die Verlorene
Die auf dem Pappelhof in Schlesien aufwachsenden Zwillingsschwestern Änne und Luise, die einander kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auf die schmerzlichste Art und Weise verlieren. Ännes Tochter Ellen, deren Beziehung zu ihrer verwitweten Mutter zwischen
Nähe und kritischer Distanz changiert. Das Verhältnis zwischen den beiden Frauen ist stets von einem diffusen Gefühl des Ungenügens begleitet, ohne dass nach den Gründen gefragt wird. Auch über Ännes Krampfanfälle, die der Epilepsie ähneln, wird nicht gesprochen. Und schließlich Ellens Tochter Laura, die sich – zum ersten Mal schwanger und durch den Tod ihrer Großmutter zutiefst erschüttert – aus Frankfurt auf die Suche nach den Familienwurzeln im heutigen Polen aufmacht. Mit im Reisegepäck hat sie eine kleine Porzellanfigur aus Ännes Nachlass – ein Pferd, das seine Hufe gen Himmel wirft. In wessen Besitz befindet sich das zweite Pferd aus dem Figurenpaar? – Unausgesprochenes, Verschwiegenes, Verdrängtes und Verlorenes steht im Mittelpunkt des opulenten und dicht erzählten Familienromans von Miriam Georg. Gekonnt variiert die Autorin zwischen zwei Zeitebenen und mehreren Schauplätzen und arbeitet in der berührenden Geschichte die kollektiven Erfahrungen von Verlust, Identität und transgenerationalen Traumata auf. In überzeugender literarischer Form macht sie dabei nach und nach die Seelengravuren und inneren Verletzungen sichtbar, die einerseits durch Krieg, Vertreibung und Enteignung, andererseits durch die eigentlich besten Absichten in (weiblichen) Beziehungskonstellationen zwischen Müttern, Töchtern und Schwestern entstehen. Eine unbedingte Leseempfehlung für alle, die Interesse an zeitgeschichtlichen Stoffen, psychologischen Aspekten und überzeugenden Figurenkonstellationen haben.
Slávka Rude-Porubská
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Verlorene
Miriam Georg
FISCHER (2025)
508 Seiten
fest geb.