Eine Liebe
Muss eine Liebe immer romantisch sein? Gibt Sachlichkeit einer Liebe eine ganz besondere Richtung? Ist körperliche Hingabe nur mit persönlicher Hingabe möglich und ist beides tatsächlich gleichwertig? Sara Mesa seziert in ihrem Roman das größte
unserer menschlichen Gefühle und wirft einen zuweilen unerhört erscheinenden Blick auf das Wesen der Liebe. Eine Frau, die mitten im Leben stand, entschließt sich zu einem Umzug in ein heruntergekommenes Haus in der spanischen Provinz. Diese alleinstehende, für die Einwohner in vielerlei Hinsicht bedürftig erscheinende Frau löst vor allem bei den Männern im Ort unterschiedlichste Reaktionen aus. Es geht um Macht und Ohnmacht, Stärke und Schwäche und das empfindliche Gleichgewicht dazwischen, das eine Beziehung intakt halten kann. Die Protagonistin verstrickt sich in diesem dörflichen Gefüge, in dem alle voneinander alles zu wissen scheinen, jedoch tatsächlich nur wenig von sich preisgeben, immer mehr in Vermutungen und wahnhafte Eifersucht. Es passiert, was passieren muss, wenn wir in den Grenzen unserer eigenen oft beschränkten Wahrnehmung nur hören, was wir hören wollen, nur sehen, was wir sehen wollen, nur denken, was wir denken wollen. – Trotz der sehr klaren, schnörkellosen Sprache wirkt dieser Roman in seinen Aussagen lange nach und ist ganz klar der anspruchsvollen Literatur zuzuordnen. Er bietet viel Raum für Interpretationen und besticht mit einem Ende, das Scheitern und Siegen auf tiefgründige Weise miteinander vereint.
Elisabeth Brendel
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Eine Liebe
Sara Mesa ; aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Verlag Klaus Wagenbach (2022)
186 Seiten
fest geb.