Cold Case
1971 erfriert ein aus der psychiatrischen Anstalt in Toronto geflohener Mann. Dieses Ereignis bildet die Grundlage für einen wahren „Cold“ Case. Kim Minkyung, die koreanische Freundin des Ich-Erzählers, berichtet beiläufig von ihrem Onkel –
dem erfrorenen Mann. Neugierig geworden, macht sich der Erzähler an die Erforschung der Hintergründe. Es stellt sich heraus, dass drei Onkel Minkyungs nach Kanada ausgewandert sind. In vielen Zeitsprüngen erfährt der Leser ein wenig vom Schicksal der koreanischen Familie. Der Großvater begibt sich während des Zweiten Weltkriegs nach China, erwirbt großen Reichtum, schickt seine drei Söhne nach Kanada, zwei kehren zurück. Einer wird Minkyungs Vater. Den besucht das Paar in Korea, um Einzelheiten zu erfahren, auch die Mutter kontaktieren sie. Doch hat sich der Vater in eine Traumwelt zurückgezogen. Die Mutter versucht mit der Hilfe von Schamanen vergeblich Kontakt ins Jenseits aufzunehmen. – Alexandre Labruffe erzählt sprachmächtig und wortgewaltig in einer Reihe von Berichten, Dokumenten und Familienerzählungen die wohl auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte einer traumatisierten koreanischen Familie. Für den Außenstehenden erst ein wenig rätselhaft, eröffnet Labruffe den Blick in eine sehr verschlossene Welt. Allen Büchereien mit Interesse an moderner europäischer Literatur empfohlen.
Wilfried Funke
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Cold Case
Alexandre Labruffe ; aus dem Französischen von Frank Sievers
Verlag Klaus Wagenbach (2026)
187 Seiten
fest geb.