Unter weitem Himmel
In ihren früheren Büchern "Pixeltänzer" und "Automaton" (BP/mp 19/933, 22/425) nahm die Autorin, Kultur- und Netzjournalistin Berit Glanz ihre LeserInnen mit in die digitalen Räume unserer Gegenwart. Ihr neuester Roman taucht dagegen tief in die
Geschichte Islands ein: Die Fischer aus der Bretagne und Normandie machen sich jedes Jahr zu dem gefährlichen Kabeljau-Fang im Nordatlantik auf. Um Vorräte aufzufüllen oder verletzte Seemänner medizinisch versorgen zu lassen, steuern die Schiffe Küstendörfer in den Ostfjorden Islands an, in denen französisch geführte Krankenhäuser aufgebaut wurden. 1906 trifft hier der Fischer Olier auf die junge Krankenschwester Sólrún: Kann eine solche Liebesbeziehungen sprachliche Grenzen, wirtschaftliche und soziale Zwänge des frühen 20. Jh. überwinden? Wo kann man heimisch werden, wie kann man einen Ausbruch ins Neue wagen, wenn Armut, Verzicht und harte Arbeit den Lebensweg vorbestimmen? Fast 100 Jahre später liest die deutsche Wissenschaftlerin Maris, die auf Island an einem Genetik-Forschungsprojekt arbeitet, in Sólrúns Tagebucheinträgen. Ihre Begegnung mit Adam, der aus Polen ausgewandert ist und jetzt auf einer isländischen Farm jobbt, verlagert die Fragen nach der Herkunft und Heimat in die heutige Zeit, in der offene Grenzen und die Privilegien der Freizügigkeit scheinbar selbstverständlich sind. Atmosphärisch dicht und auf zwei Zeitebenen angelegt, beschäftigt sich der Roman mit den Themen Zugehörigkeit und Fremdheitserfahrung. – Das hervorragend recherchierte und gekonnt erzählte Buch begeistert nicht nur mit historischen Details über die soziale Realität, die raue Natur Islands und das Arbeiten unter unwirtlichen Bedingungen, an denen Geschichtsinteressierte ihr Gefallen finden werden. Die Stärke des Romans liegt auch in der Verhandlung der Fragen nach den familiären und kulturellen Prägungen, die wir in uns tragen – und manchmal hinter uns lassen.
Slávka Rude-Porubská
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Unter weitem Himmel
Berit Glanz
berlin Verlag (2025)
254 Seiten
fest geb.