Melville verschwindet
Nicht nur seine Tochter Nikola hat der Icherzähler verloren. Nach ihrem wohl selbst verschuldeten Tod trennt sich auch seine Frau ohne Abschied von ihm. Und mit der eigenen Familie fehlt ihm die Kraft, am halb fertigen Manuskript, einer Biografie
über den Schriftsteller des ‚Moby Dick‘, Hermann Melville (1819-1891), weiterzuarbeiten. Er bricht ab, hinterlässt das Manuskript im Elternhaus. Als er dorthin nach dem Tod der Eltern aus einem Irgendwoher zurückkehrt, haben ihm seine Geschwister die Aufgabe zugeteilt, das Haus vor einem Verkauf leerzuräumen. So stößt er wieder auf sein Manuskript und setzt die Suche nach Parallelen zu Leben und Werk Melvilles fort. Er zeichnet, durch das Nacherzählen seines Manuskriptstoffes, das fast schon einer Wiederaufnahme des Schreibens gleichkommt, das Leben Melvilles nach: reich an auch abenteuerlichen Erlebnissen, literarischen Werken und Kindern, aber arm an Verkaufserfolgen, gesellschaftlicher Reputation und Wertschätzung seiner Frau und deren Familie. Er macht – wie Melville – seinem Namen Meander Ehre, indem er nahezu ziel- und vor allem orientierungslos durch Leben mäandert. Dies wird in den vier Teilen des Textes für seine und Melvilles Situationen versucht aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Aber als Quintessenz bleiben nie mehr als eine in sich verstrickte Sicht auf Schuld und Scheitern. Und so wandert er nach erfüllter Hausräummission weiter in ein Irgendwohin. – Lang bietet eine aufschlussreiche dreifache Lebensreflexion (für Melville, Meander wie auch wohl für sich selbst) eines Mannes/von Männern, die durch ihr Schreiben berühmt, anerkannt, unsterblich werden wollen. Alle drei Erzählstränge muss der Lesende eifrig, aufmerksam und interessiert an der Zeitgeschichte des 19. Jh. aus dem Gesamttext herausschälen, allzu Vieles ist ineinander verschlungen. – Ein Buch für Melville-Kenner.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Melville verschwindet
Thomas Lang
berlin Verlag (2026)
446 Seiten
fest geb.